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Marie Darrieussecqs Roman «Schweinerei»
Der letzte Bücherherbst brachte dem französischen Literaturbetrieb endlich wieder eine Sensation. Eine 27jährige Frau, Absolventin der berühmten Ecole Normale Supérieure, Dozentin für Literatur in Lille, legte einen ersten Roman vor, der gründlich ausserhalb aller gewohnten Geleise verläuft. Der Titel ist «Truismes», was Binsenwahrheiten heisst und zudem auf truie, das Schwein, anspielt. Die nun vorliegende Übersetzung musste sich mit «Schweinerei» begnügen. Hochgespielt bis zum Gehtnichtmehr, als Goncourt-Preis-verdächtig gehandelt, lange auf Bestsellerlisten stehend: das erinnerte an den aufsehenerregenden Erstling «Les champs d'honneur» von Jean Rouaud, dem Kioskverkäufer aus der Banlieue, der im ersten Anhieb den Goncourt-Preis gewann.
Einen eigenen Ton hat schon die Sprache von «Truismes»; oder müsste man genauer sagen, sie sei auf eigene Weise tonlos? Marie Darrieussecq lässt eine aus einfachsten geistigen und materiellen Verhältnissen stammende junge Frau erzählen, die in bieder treuherziger Sprechweise die denkbar unbiedersten Dinge zum besten gibt. Ohne Verwunderung oder gar Entrüstung: eine böse Ironie ist einprogrammiert. Nach verzweifelter Arbeitssuche findet das hübsche Mädchen eine Stelle als Verkäuferin in einer Parfümerie. Allerdings gibt es hier Hinterräume für Massageservice, meist übelster Art, Praktiken, die immer perversere Formen annehmen. Wer nun die Schilderung saftiger Szenen erwartet, wird enttäuscht. Das Buch bedient keinen Voyeurismus, redet nur beiläufig um die Sache herum und überlässt sie dem Leser, «wenn Sie verstehen, was ich meine» (und ähnlich). Die Angestellte berichtet viel mehr von ihrer eigenen Befindlichkeit und ihren Problemen. Und die sind wirklich kein Pappenstiel. Sie wird immer dicker und formloser, die Haut zunehmend tiefer rosarot, helle lange Haare wachsen überall, eine dritte Brust fängt sich zu entwickeln an, und gegen alles helfen weder Salben noch Ärzte noch Zauberer.
Was vorgeht, ist nichts Geringeres als die genau geschilderte Metamorphose einer Frau in eine Sau. Einigermassen spannend wird das Spiel, indem sie nicht einfach zunehmend von einem Zustand in den anderen übergeht, vielmehr einmal das eine, dann wieder das andere ist, oder auch ein Mittelding; Daseinsformen, die zu ermitteln jeweils dem Leser überlassen bleiben. Dazu denkt sich die Autorin die unwahrscheinlichsten Abenteuer aus. Die Heldin kommt auf ein Wahlplakat, einmal mischt sich das Fernsehen ein; eine Liebesgeschichte sodann mit einem reichen Manager, der aus unersichtlichen Gründen bei Vollmond zum Wolf und von einem Wolfshunger überfallen wird, was jedesmal mindestens einem Menschen das Leben kostet. Dies und vieles Ähnliche mag unterhaltsam sein, berührend aber wird der Roman nur in den Zwischenräumen, wenn die Erzählerin von allen verlassen ist und Ruhe hat, ihr Tiersein von innen zu erfahren und von Empfindungen, Trieben und einsamen Ereignissen zu berichten. Das ergibt auch die einzigen Stellen, wo dem «ungebildeten» Ich ein paar kurze, beinahe poetische Momente gewährt werden. Etwa mit dem Duft der Erde, in der das Schwein wühlt und wahrnimmt, wie alle vergangenen Jahreszeiten darin abgelagert wurden, Wildgänse, Schneeglöcklein, Obstblüte, Südwind.
Kein Zweifel, Marie Darrieussecq hat einen erfrischend unorthodoxen, wenn auch ziemlich reisserischen Roman verfasst, eine Fabel über die empörende Verrohung einer Gesellschaft, in der ein menschenverachtender Zynismus, Brutalität und Perversion laufend zunehmen. Nicht genug, dass ihre Heldin in der Parfümerie zur Sau gemacht wird; da werden später auch Parties gefeiert, die zu wild-blutigen Festen entarten. Eine Fabel, aber auch eine Art Gleichnis, die Parabel von einer verkehrten Welt, von der Verkehrung in einer Welt von heute oder morgen das Buch spielt in einer Zukunft, wo mit Euro- und Internet-cards bezahlt wird , deren schweinische Gesellschaft das einzige arglose und lebensechte Wesen opfert, in die Abnormität treibt und genau zu dem macht, was in Wahrheit die anderen sind. Dem ähnlich, wie unter lauter Wahnsinnigen der einzige bei Verstand Gebliebene zum Kranken und Irren gestempelt würde.
Trotz seiner provozierenden Originalität wollten die Goncourt-Juroren von dem hochgefeierten Buch am Ende nichts wissen. Und auch die anderen, im Herbst so zahlreichen Romanpreise blieben aus. Hatte man schlicht Angst vor der grossen Kühnheit dieses Erstlings? Was immer man von diesen Preisen halten mag, es lässt sich doch einiges gegen das Buch einwenden. Getrübt wird das Lesevergnügen vorab, weil hier alles so offen daliegt, ohne Verborgenes, Hintergründiges, und dass sich daher auch keine Atmosphäre ergibt, keine spezifische Ausstrahlung. Ohne diese, ohne ein eigenes, irgendwie magisches Fluidum jedoch entsteht wohl kaum eine wirklich gute Erzählung. Weshalb aber sollte ein erster und zudem so unerschrocken abseitiger Roman nicht seine Schwächen haben, ein Experiment und ein Lernstück sein für die späteren Werke?
Gerda Zeltner -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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