Junger Mann liebt ältere Frau -- eine Konstellation, die viele Autoren inspiriert hat, zumal, wenn es sich um einen Schüler und seine Lehrerin handelt.
Siegfried Lenz lässt sie den 18jährigen, durchschnittlich begabten Christian erleben. Damit eine zärtliche Bande entstehen kann, muss er zufällig im selben Strandort Urlaub machen wie seine junge, hübsche Englischlehrerin Stella. Wirklich gelungen ist die Ausgangssituation, zu der die Novelle immer wieder zurückkommt: die Trauerfeier zu Stellas Tod, auf der der bestürzte Christian es nicht fertigbringt, eine kurze Ansprache zu halten, wie man es von ihm als Klassensprecher erwarten würde; stattdessen wandern seine Gedanken von einer Erinnerung an Stella zur nächsten. Dabei liest man, wie Stella alterniert zwischen ihrer distanzierten Lehrerrolle und dem Reiz der Verführung. Lenz erzählt es aus Christians Sicht in schöner erotischer Unschuld, wobei ich erst im letzten Drittel der 128 Seiten mit der Figur warm wurde. Schön auch, wie der Erzähler zwischen distanziertem "sie hat" und "du hast" wechselt, wenn er über bzw. zu Stella spricht, was den ambivalenten Zauber schön zeigt, den sie auf Christian ausgeübt hat.
Solche leisen Geschichten leben von der Erzählkunst und den subtilen Elementen der Sprache. Siegfried Lenz ist gut darin, erreicht aber nicht ganz das Niveau etwa von Stefan Zweigs "Schachnovelle". Auch fand ich den Schluss etwas dünn und unpoetisch, und Stellas Unfalltod mutet ein wenig nach einfachem Ausweg aus den Konflikten an. Insgesamt bleibt eine hübsche Lektüre für den Strand oder einen ereignisarmen Wintertag.