Der düstere Prolog lässt die vielen roten Rosen auf dem Cover bereits nach den ersten Worten verwelken. Ein unheimlicher Einstieg in diese Geschichte, der dem Leser klar macht, dass nicht immer alles gold ist was glänzt.
Im Gegensatz zum Prolog beginnt das erste Kapitel sehr ruhig. Jana ist mit ihrer besten Freundin Ella unterwegs. Schnell hat man das Gefühl, dass sie im Schatten ihrer hübschen Freundin steht und eher zu den grauen Mäuschen gehört. So mein erster Eindruck... eine Täuschung, wie ich bald merken sollte. Jana ist zwar nicht ganz so extrovertiert wie Ella, trotzdem fehlt es ihr nicht an Witz, Charme und Worten.
Plötzlich, von einem Tag auf den anderen, verschwindet Ella - spurlos. Sie scheint wie vom Erdboden verschluckt. Jana macht sich Sorgen und steht kurz vorm Durchdrehen, da sie nur auf taube Ohren stößt. Ihre Familie spielt Ellas Verschwinden herunter, es scheint fast so, als wüsste ihre Schwester mehr als sie, aber Jana lässt sich nicht beruhigen und beginnt auf eigene Faust, nach ihrer besten Freundin zu suchen.
Je weiter sie sich mit Ella und ihrem Leben beschäftigt, desto fremder wird ihr ihre beste Freundin. Sie erfährt Geschichten, die Ella in einem ganz anderen Licht dastehen lassen. Eben war Jana noch überzeugt davon, dass ihrer Freundin etwas zugestoßen ist, nun weiß sie selbst nicht mehr, was sie glauben soll und wer diese Person eigentlich ist, der sie ihre geheimsten Geheimnisse anvertraut hat und die ihr wichtiger war, als alles andere auf der Welt.
"Kaum vorstellbar, wie viel sie über Ella erfahren hatte, seit sie vor einer Woche hier ein Sandwich bestellt hatte. Wie viel sich verändert hatte. Ihre Freundschaft mit Ella war einer der wichtigsten Pfeiler in ihrem Leben gewesen. Ein massiver Pfeiler, stark und belastbar. Jetzt war er bröckelig. Jeden Tag stürzten mehr Teile davon in die Tiefe, zurück blieb eine Ruine."
S. 186
Mir fiel es beim Lesen unglaublich leicht, Sympathien zu Jana aufzubauen und ich konnte ihre innere Unruhe sehr gut nachvollziehen, ebenso ihre fast überkochende Wut, als sie realisiert, dass alle in ihrem Umfeld Ellas Verschwinden herunterspielen. Da verschwindet die beste Freundin und keiner nimmt es Ernst. Alle scheinen mehr über Ella zu wissen, als Jana, und das treibt sie beinahe zur Verzweiflung. Diese Verzweiflung, diese Wut und diese Angst, Janas aufgewühlte Gefühle und die fürchterliche Ungewissheit werden von Janet Clark so perfekt dargestellt, dass sie für ihre Leser absolut spürbar sind.
Ich habe mich in diesem Buch unheimlich wohl gefühlt. Natürlich ist es ein Thriller und nicht alles, was Jana erlebt ist toll, ganz im Gegenteil, sie fängt sich eine Klatsche nach der anderen und fängt sogar an, an sich selbst zu zweifeln. Trotzdem hat das Mädchen zu jeder Zeit eine faszinierende Wärme und Herzlichkeit ausgestrahlt und sich ihren Witz behalten. Daran ist sicher auch Oliver Schuld, ein süßer, attraktiver junger Kerl, der unserer Jana ganz schön den Kopf verdreht. Nachdem sie von ihrem letzten Freund blöd sitzen gelassen wurde, freut sich der Leser umso mehr für sie, als sie auf den charmanten Barbesitzer trifft. Ihr Kribbeln im Bauch hat mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert und ich fand es unheimlich süß, in welche Fettnäpfchen sie in seiner Gegenwart tritt. Ich bin der Meinung, dass sich durch diese sympatische Darstellung viele junge Mädchen mit Jana identifizieren können. Diese Momente waren zwischenzeitlich immer wieder eine niedliche Verschnaufpause, die dem Lesefluss und der Spannung jedoch keinen Abbruch getan haben.
Janet Clarks Sprache versprüht eine Wohlfühl-Atmosphäre. Trotz des düsteren Themas, fühlt sich der Leser geborgen, er kann sich mitziehen lassen und sich vollkommen der Geschichte widmen. Mit weichen Worten wurde ich durch die 349 spannenden Seiten getragen. Das Tempo der Story war angemessen, nicht zu langsam, aber auch nicht zu gehetzt.
In den Romanverlauf bindet die Autorin ab und an vereinzelte Briefe ein, die Jana an ihre verschwundene Freundin Ella oder an ihren, in Berlin lebenden Vater, schreibt. Da dieser Roman in der dritten Person geschrieben ist, also nicht direkt aus Janas Sicht erzählt wird, dienen die Briefe dazu, Janas Gedanken noch einmal greifbarer zu machen und diese direkt dem Leser zu präsentieren.
Das schlussendliche Finale, der Showdown und die Auflösung haben diese tolle Geschichte perfekt abgerundet.
Nach Kossis Buchempfehlung haben wohl viele Leseratten zu "Schweig still, süßer Mund" gegriffen und sich in Janet Clarks angenehmen Schreibstil verliebt. Diese große Aufmerksamkeit hat die sympatische Autorin absolut verdient und ich hoffe, dass wir auf ihren nächsten Jugendthriller nicht lang warten müssen!