„Die Harmonie, die Naturschönheit, der Heldenmut“ – Sowjetassoziationen auf Kunstpostkarten, papiernes Volksgut, das niemand in der Gegend mehr zu kennen scheint, in der Marion Poschmanns Schwarzweißroman Station macht. Wir können uns vorstellen: Im russischen Zaubermärchen und Weisen zur Balalaika ist das Uralgebiet farbig und von saftiger Schönheit. Hundert Jahre ist das mindestens her, denn dann kamen Ingenieure und griffen in die Romantik ein. Die Natur wird abgetragen, verkokt und vergossen zu Stricknadeln und Bomben. Magnitogorsk, das als Industriestadt um ein Bergbaugebiet entstanden ist, macht sich keine Ehre. Der stark eisenerzhaltige rote Berg, der dem Namen Pate stand, ist längst abgetragen und Magnitogorsk hat mythische Schönheit eingebüßt, die es nie besessen hat.
So gäbe es nicht viel zu berichten, es sei denn in einem Industrieroman, der in der deutschen Literatur vor drei Jahrzehnten verstorben ist. Marion Poschmann liegt es fern, ihn wiederzubeleben, doch die glorreiche, besungene Zeit des Aufbaus hat bis zu den Umschwüngen in den neunziger Jahren tief geschürft und das Uralvolk nicht verlassen. Das ist erzählenswert, wenn auch so grau, grau, grau. Nicht die Ahnung eines Gefühls von Heimeligkeit überkommen den Leser und die Frau, die ihren deutschen Ingenieursvater und seinen beruflichen Leerlauf besucht – das ist die Nachricht des Tages. Die Stadt ist wettergegerbt von Schwermetallen, der Schwefel dringt durch alle Ritzen in getypte Straßenzüge. Wie ein Kind beim Architektenspiel sind Würfelhäuser, zylindrische Kamine und Fabriken vom Himmel gefahren – Arbeiterdenkmäler dazwischen – und haben sich geordnet. Sie haben Menschen eingeladen, in sich zu wohnen, und sie mit ihrer strengen Klarheit bis zum poetischen Wahn zu deprimieren. „Im Zimmer vertieften sich die Schatten. Nach und nach wurden dunkle Kohlehalden an den Wänden aufgeschüttet, abstrakte Formen wanderten über die Decke, wahnwitzige Quarze fielen aus der Lampe.“
Marion Poschmann, die sich mit Lyrik einen Namen gemacht hat, mag eine Affinität zum literarischen Bild haben, die sich mitunter nicht in den Roman fügt und zu lebendig in der fossilen, sterilen Umgebung wirkt. Als die Erzählende mit dem Chef des Vaters in einer Besenkammer anbandelt, geht das Uneigentliche mit ihr durch, obwohl der Sex mechanisch und maschinell ist. Da blüht es plötzlich in fremden Zimmern und Betten, die Tapeten ernähren sich gierig von der Lust und wachsen auf die sich Liebenden zu. In der Bedrückung ist niemand zu einer sinnstiftenden Handlung fähig. Wohl deshalb geschieht im Schwarzweißroman nicht mehr, als dass Zeit im Erzählen vergeht.
Damit ist sie das Highlight in Magnitogorsk, ein Farbpunkt, die im roten Mantel durch Schwarz und Weiß stelzt und sich plötzlich in ihrem Nullzustand zu Hause fühlt. „Man trinkt auf die gute Ankunft“ und auch sonst sehr viel in der betäubenden Langeweile, der das deutsche Ingenieursteam frönen muss, weil’s auf dem Bau stockt. „Die Tage vergingen folgenlos. Jeder Morgen klappte seine Kühlschranktür vor uns auf, hinter uns zu.“
Für den Uralkoller – manchmal dreht einer durch – haben sie ihre Familien in der BRD gelassen und gewöhnen sich ein. Am Abend kommen die russischen Frauen, billig und willig und „so anspruchslos“, dass sie sich für einen Koffer Glasperlen und ein Häkeldeckchen verkaufen. Die erkleckliche Ansammlung von Klischierungen – auch wenn darin die Projektionsleistung des Romans bestehen sollte – schlägt nicht positiv zu Buche. Vor lauter Russisch-Seelen-Schmalz in modernisierten Märchen geht Potenzial verloren, das in Stichworten versteckt wird und sehr realistisch ist: der Mangel an medizinischer Versorgung, die verstaubten Bronchen, die Hitze der Radioaktivität im Uralboden, der metallische Geschmack im Mund. Russen geht das nicht nah – es hat sie schon durchdrungen. Freund Konstantin wird jung sterben an der Verseuchung.
Die Sowjetgeschichte Russlands offenbart Marion Poschmann als eine unglückliche Verkettung von Katastrophen. Im Bewusstsein hat sich von Flugzeugabstürzen und Reaktorunfällen aber nur die Botschaft erhalten: Es könnte schlimmer sein – das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass der Roman damit zur Beliebigkeit tendiert und Themen großzügig verschenkt. Im letzten Viertel erweist es sich fast als interessant. Das Statische des Aufenthalts bricht ab und die Erzählerin geht auf Reisen in eine Gegend, die es – so grotesk es ist, so wahr ist es – bis vor 15 Jahren offiziell nicht gab. Einer unglückseligen Katastrophe wegen darf dem Nicht-Existenten niemand zu nahe treten. Marion Poschmanns Roman hat es offenbar leicht geschadet, sich zu sehr im Zaum zu halten und dem Sichtbaren der Stadt Magnitogorsk mehr Raum zu spendieren als notwendig. So könnte Magnitogorsk auch Eisenhüttenstadt, Bitterfeld oder anders heißen.
Ausgerechnet deshalb ist der Schwarzweißroman in Deutschland kurz nach der Veröffentlichung zu – gewiss nicht erwarteten – Ehren gelangt. Nordrhein-Westfalen verlieh Marion Poschmann den „Literaturpreis Ruhrgebiet“ dafür, dass ihr Buch das Revier in Erinnerung gerufen hat. Denn Eisen ist gut, Kohle ist gut – auch aus Deutschland. Glück auf!