Nigel McCrery hatte mit Schwarzes Schaf Premiere in meinem Bücherregal. Einigen ist er ein Begriff durch seine Reihe rund um die Gerichtsmedizinerin Samantha Ryan, doch mir war er bisher vollkommen unbekannt. Der vorliegende Kriminalroman gehört nicht zu der genannten Reihe um Dr. Ryan, sondern in seinem Mittelpunkt steht Detective Chief Inspector Mark Lapslie, der wohl schon in mehreren Bänden vorgekommen ist, auf Deutsch erhältlich sind bisher jedoch nur Kaltes Gift und der vorliegende Roman.
Mit Mark Lapslie hat McCrery einen wirklich besonderen Ermittler erschaffen, ich bin jedoch nicht sicher, ob ich diese Besonderheit mag oder ob ich sie eher als störend empfinde.
Mark Lapslie leidet unter Synästhesie, einer Nervenkrankheit, die in seinem speziellen Fall dafür sorgt, dass er Geräusche schmecken kann. Seit längerer Zeit arbeitet er nun von Zuhause aus und übernimmt keine Fälle mehr, da er während der Ermittlungen den Geräuschen und den damit einhergehenden Geschmäckern auf seiner Zunge nicht gewachsen wäre. Er vergräbt sich in seinem kleinen Cottage, auf der Suche nach der absoluten Stille, der er schon Frau und Kinder opfern musste. Doch dann holt ein Anruf aus dem Revier ihn aus seiner Isolation: eine junge TV-Moderatorin wurde grausam gefoltert und getötet und sein Chef möchte, dass er und sein Sergeant Emma Bradbury den Fall übernehmen. Und als wäre das noch nicht genug, wird ihm auch noch ein zweiter Fall zugeschustert: auf einem kleinen Bahnhof ist eine Bombe detoniert, die einen Pendler in Stücke gerissen hat. Lapslie vermutet, dass er diese Fälle nur bekommen hat, weil sein Chef ihn nötigen will, endlich in den Vorruhestand zu gehen, doch so leicht will er sich nicht geschlagen geben. Er nimmt die Ermittlungen auf und stößt schnell an seine Grenzen, da er bei lauten Geräuschpegeln immer gegen seinen Magen ankämpfen muss, was die Arbeit natürlich extrem erschwert. Doch plötzlich scheint seine Synästhesie in einer ihrer Sonderbarkeiten von Nutzen für die Ermittlungen zu sein - doch schafft es Lapslie, diese Empfindungen seinem Umfeld zu vermitteln?
Ein Ermittler mit Synästhesie eröffnet einem Erzähler ungeahnte Möglichkeiten, doch er bewegt sich damit auch auf einem schmalen Grad zwischen Authentizität und Unglaubwürdigkeit. Ich hatte während der Lektüre das Gefühl, dass McCrery sehr zwischen diesen beiden Möglichkeiten schwankt, sein Held auf Dauer aber an Kraft und Faszination verliert. Ebenso ist mir das Motiv des Täters nicht stark genug bzw. wirkt es konstruiert. Und auch wenn McCrerys Roman sprachlich eine angenehme Unterhaltung war und ich auch gerne wissen wollte, wie der Krimi endet, ist die Geschichte für mich nur eine durchschnittliche Leistung - kann man lesen, muss man aber nicht.