Black Prism ist ein Buch, dessen Handlung von der ersten Seite an so prallvoll ist mit Spannung, überraschenden Wendungen und einer Unmenge an aufregenden Geschehnissen, dass es schwierig ist, eine Buchbesprechung zu schreiben, ohne darin wesentliche Überraschungen zu verraten. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Klappentext geradezu nichtssagend erscheint - und einem so grandiosen Roman im Nachhinein nicht angemessen.
Brent Weeks entspinnt eine Geschichte aus der Sicht von drei Menschen, jeder zu Beginn mit seiner eigenen Nemesis, deren Schicksale sich jedoch nach kurzer Zeit schon unentwirrbar ineinander verstricken, auf eine oft tragische, unlösbare, manchmal überraschend komische oder schmerzhaft romantische Weise.
Da ist zunächst Kip, ein tolpatschiger Fünfzehnjähriger, dessen Freunde ihn für sein Ungeschick verspotten, der bei den Mädchen keinen Stich landen kann und zu allem Unheil noch mit einer drogenabhängigen Mutter belastet ist, die ihn von klein auf vernachlässigt, weil sie nur für den nächsten Rausch lebt. Sein Leben ändert sich mit einem Knall, als seine Heimatstadt von der Armee des lokalen Satrapen Garadul niedergebrannt wird, als eine Strafexpedition, die kein Mann, keine Frau und kein Kind überleben soll. Kip überlebt trotzdem, und zwar um Haaresbreite, doch er wird Zeuge des grässlichen Todes seiner Freunde und seiner Mutter - und sein Schicksal wird sich noch viel drastischer wandeln.
Dann Gavin Guile, der (religiöse) Herrscher über die sieben Satrapien, die nach einem katastrophalen Bruderkrieg, aus dem Gavin als Sieger hervorging, eine Einheit bilden.
Gavin ist ein charismatischer und ungewöhnlicher Mann, ein Krieger, ein brillanter Politiker, der beste Herrscher, den die 7 Satrapien je hatten und zugleich ein Getriebener auf der Flucht vor den Dämonen seiner Vergangenheit, der sich selbst in eine so entsetzliche Falle manövriert hat, dass einem der Atem stockt, als sie offenbar wird.
Gavin trägt den Titel eines 'Prisma' - dies verweist auf das sehr interessante Magie-System dieser Welt. Die sogenannten 'Drafter' (was man vielleicht mit 'Zauberwirker' übersetzen könnte) sind Magier, die in der Lage sind, aus Lichtfarben Materie zu wirken. Jede Farbe des Spektrums hat andere Eigenschaften, die sich nicht nur auf die Natur der Materie auswirken, sondern auch den Charakter des Wirkers beeinflussen. Die meisten Zauberwirker können nur eine einzige Farbe wirken, einige beherrschen zwei, und ganz selten gibt es welche, die sogenannten Polychrome, die mehr als zwei Farben beherrschen.
Der Lord Prisma jedoch ist in der Lage, alle Farben des Spektrums zu wirken, und daraus resultiert eine gewaltige Macht. Damit ist es eine seiner Aufgaben, Zauberwirker zu jagen, die außer Kontrolle geraten sind und schlimme Verheerungen anrichten können - etwas, das geschieht, wenn ein Wirker dem Rausch seiner Farben zu sehr verfällt und zu oft zu viel wirkt.
Und schließlich haben wir Karis, eine von Gavins Leibwächtern und eine Elite-Kriegerin und BiChrome-Wirkerin, eine aufregende Frau, die einst mit Gavin verlobt war und nie darüber hinweg kam, dass er ihre Verlobung nach dem Krieg gelöst hat. Denn auch nach 15 Jahren noch empfindet er ganz offensichtlich eine tiefe Liebe für sie und hört nicht auf, um ihre Zuneigung zu werben.
Karis wird auf eine Geheim-Mission gesandt, im der Satrapie Garaduls nach dem Rechten zu sehen - auf der von Anfang an alles schief läuft.
Und als sie herausfindet, dass Gavin einen Bastard-Sohn hat, der offenbar während ihrer Verlobung gezeugt wurde, führt das zu folgenschweren Konsequenzen...
Dieses Buch ist von einer derartigen erzählerischen Wucht, dass es einen trifft wie eine schwere Bombe und vollkommen atemlos zurückläßt, während man fast schon verzweifelt die Fortsetzung herbeihofft.
Mit seltener Kunstfertigkeit verwebt Brent Weeks all die Erzählstränge, die Ebenen und Subebenen und Meta-Ebenen einer komplexen Handlung, die sich zugleich aufregend-phantastisch und schmerzhaft-realistisch anfühlt.
Fantastisch, weil es wirklich epische Fantasy vom Feinsten ist, mit vielen frischen Ideen, die es nicht nötig hat, zum hundertsten Abklatsch einer tolkienschen Welt zu werden. Realistisch, weil die Charaktere und die politischen Intrigen und die Tragweite menschlicher (Fehl)entscheidungen sich so echt anfühlen, und so schrecklich und so folgerichtig ins Verhängnis führen - weil diese Welt sehr konsequent keine bunte Zauber-Märchen-Welt ist, in der eine wohlmeinende zaubrische Macht am Ende alles zum Guten fügt.
Hier zittert man mit den Figuren, man zittert wirklich, es bleibt einem förmlich das Herz stehen, wenn sich das Verhängnis entfaltet, von dem man die ganze Zeit hoffte, es möge unter dem Stein begraben bleiben, unter dem es sich verkrochen hat.
Und dazu ist es auch noch ungeheuer spannend und unterhaltsam zu lesen. Diese Figuren, die haben Saft und Leben und entfesseln echte Emotionen. Gavin, in den man sich als Leser(in) entweder unsterblich verknallt oder den man sich zum besten Freund und Bruder wünscht, und dessen Persönlichkeit aus so vielen Facetten besteht, dass man zum Ende hin fast Angst hat, was sich als nächstes enthüllt.
Karis, die leidenschaftlich ist und ein bisschen verrückt und der man manchmal Verstand einprügeln möchte. Und Kip, der einen so göttlichen Humor in seiner Erzählstimme hat, dass man gar nicht anders kann, als laut loszuprusten, selbst mitten in der grässlichsten Schlacht.
Dieses Buch hat mich begeistert, verzaubert, besinnungslos geschlagen, und irgendwo ganz tief berührt, weil es so wahrhaftig, so episch, so tragisch ist ... und ich kann es kaum erwarten, den Nachfolger in den Händen zu halten.
Denn ich weiß jetzt schon, ich werde den aufschlagen und bis zur Bewusstlosigkeit lesen, weil ich unbedingt wissen muss, wie das weitergeht. Wie sie aus diesem Schlamassel je wieder rauskommen wollen. Ob der Autor Mitleid mit dem Leser hat ...
'Black Prism' ist ganz großes Kino.
Mit einem Paukenschlag.
Da bleibt zum Ende nur die eine Empfehlung: LESEN!