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Was ist Russland? Die Frage stellt sich seit Jahrhunderten mit hartnäckiger Resistenz und diesen Herbst mit erhöhter Dringlichkeit, denn Russland ist Gast der Frankfurter Buchmesse. Mächtig sind die Bücherberge, die zu diesem Anlass produziert werden. Fast alles, was in der russischen Gegenwartsliteratur Rang und Namen hat, ist mit einem Roman präsent, hinzu kommen Neuübertragungen von Klassikern, Erstübersetzungen von Werken aus der Sowjetzeit, Biografien, Sachbücher und ein Schwall neumodischer Krimis. Das wohl hinreissendste russische Buch dieses Herbstes aber, das mitten ins Herz der Finsternis hineinführt, kommt aus Polen und entstammt der Feder von Mariusz Wilk: «Schwarzes Eis». 1955 geboren, als Sprecher der Solidarnosc mehrfach inhaftiert, arbeitete Wilk nach 1989 als Zeitungskorrespondent in Moskau. Seit 1993 lebte er auf den Solowjezker Inseln im Weissen Meer, von wo aus er Berichte für die Pariser polnische Exilzeitschrift «Kultura» schrieb. In den zwischen 1996 und 1998 verfassten Texten, einer Mischung aus Reportage und Tagebuch, historischer Erkundung und philosophischer Betrachtung, hat er mit intellektueller Verve und poetischem Gespür die Vision «seines Russlands» entworfen. Sucht man nach Vergleichbarem, fallen einem die essayistisch-dokumentarische Prosa des Weltnomaden Christoph Ransmayr und dessen Prinzip ein: Was mit dem Verstand nicht zu begreifen ist, muss man selbst erleben. Solowki ist Brennglas und Kaleidoskop zugleich. Hier hat Wilk alles gefunden, was Russland ausmacht als «Essenz und Antizipation». Der Solowjezki-Archipel bildete stets eine Bastion russischer Rechtgläubigkeit und Staatlichkeit, Geschichtsschreibung und Erziehung. Hier gelangte das Schisma der russisch-orthodoxen Kirche zum Durchbruch, hier wurde eine Versuchsstation des Fortschritts, aber auch des Weltuntergangs betrieben. In den Verliesen des Klosters befand sich das älteste politische Gefängnis Russlands, und nach der Revolution von 1918 entstand hier der SLON (Solowjezki-Lager zur besonderen Verwendung), das Modell des Gulags. Seit dem Untergang der Sowjetunion steht die Insel für die Auflösung sozialer Ordnung, für Verfall und Verzweiflung. Mit Liebe zum trostlosen Detail zeichnet Wilk Verhältnisse, wie man sie sich schäbiger kaum vorstellen kann. Was nicht der Kommunismus auf dem Altar des Kollektivismus opferte, ruiniert heute die wilde «Privatisierung» sprich der Diebstahl. Kaum einer, der im Neuen Fuss gefasst hätte. Ohne Religion, ohne Lager, ohne Militär gibt es weder Halt noch Perspektive: «Auf den Inseln sterben mehr Menschen, als geboren werden. Um zu überleben, muss man nämlich essen, nicht trinken.» Es sind Sätze wie diese, lakonisch und schneidend, welche die Texte durchblitzen nicht zufällig beruft sich Wilk immer wieder auf Joseph de Maistre, der von 1802 bis 1817 als Gesandter beim Zaren den kalten Blick auf die russischen Verhältnisse pflegte. Doch Wilk ist bei aller Unbestechlichkeit des Urteils und Schärfe des Blicks kein Zyniker, dazu ist er persönlich zu tief in die Realität eingelassen, die er beschreibt. Immer wieder stellt er poetologische Überlegungen an zur Gratwanderung von Teilnahme und Beobachtung, Loyalität und Einsamkeit. Nur wer ganz unten war, so sein Glaube, kennt Russland. Westlichen Berichterstattern wirft Wilk vor, sie hätten seit Jahrhunderten stereotyp, eurozentrisch und tendenziös berichtet, fixiert auf die Metropolen und die grosse Politik, unter Vernachlässigung der Provinz und des Alltags der muschiks. Neben dem «Russland des sichtbaren Scheins» aber existiere auch das Russland der «nicht fassbaren Gesetze, unklaren Formen, unbestimmten Tendenzen». Es gibt «das Imperium, auf unsicheren Beinen schwankend, und die Matuschka, die sich betrunken im Strassengraben wälzt». Auf seinen Streifzügen erzählt Wilk von der Hoffnung und vom Horror. Das Kloster mit den Zyklopenmauern, einst der mächtigste Vorposten des Reiches im Norden, war ein Ort der Gelehrsamkeit wie der Einpeitschung, der Entrückung wie der Verdammnis. Alles kam hier im Lauf der Geschichte in der «Zelle» zusammen: Zaren, Dekabristen, Prälaten, Sektierer, Künstler, Gelehrte, vor allem aber jene, die das Imperium ausgespuckt hatte und die als «menschlicher Auswurf» weitervegetierten. Ihnen gilt Wilks Anteilnahme oft bis ins Grab. Schicksal reiht sich an Schicksal, jedes birgt den Roman einer grossen Einsamkeit und endet in apokalyptischer Trunksucht. Wie die Mönche in den Chroniken einst den formlosen nördlichen Raum sakralisierten, um ihn verfügbar zu machen, so rettet Wilk die Erniedrigten und Beleidigten vor dem Vergessen. Und auch die Spuren des Grauens wollen bewahrt sein: «Zur Zeit des Lagers war hier», «Niemand weiss Genaues», «Keiner ist von dort zurückgekehrt» geht die Litanei sprachlosen Enthüllens. Die Wahrheit über den SLON ist zu gross, als dass Wilk mehr vermöchte, als daran zu kratzen. Solowki, das ist eine paradoxal verschlungene Realität etwas «wie ein Erbsenpudding (Dostojewski), aus dem verschiedene Dinge ragen: hier ein orthodoxes Kreuz, daneben ein Stück Stacheldraht, dort ein samisches Hügelgrab und das Fragment eines menschlichen Schädels mit einem Loch von einer Kugel, an einer anderen Stelle ein Teil einer Rakete». Entkommen wollen alle doch keiner hält es aus, weg zu sein. Namen wie «Haseninsel» oder «Bucht der Glückseligkeit» spotten der Katastrophe, vom sozialistischen Masterplan geblieben ist die grosse Entropie. Die Idylle stinkt zum Himmel, der Sommer, «kurz und gewaltsam, wie eine Ejakulation», macht die moribunde Inselgesellschaft «geil über alle Massen», und wo Hunger ist, gibt es auch den natürlichen Überfluss. Nicht die Zivilisation, die Natur birgt das Heil, und die einzig verbliebene Utopie scheint eine Welt ohne Menschen. Tatsächlich bezeugt eine Seereise Wilks an den Polarkreis nach Kap Kanin, dass die Rückeroberung längst begonnen hat: Robbenfangstationen motten vor sich hin, Leuchttürme zünden ins Nichts, Kolchosen versinken im Sand. Noch immer gilt die Sperrzone, doch verbirgt sie nur noch eines die Scham der menschlichen Niederlage. Man kann «Schwarzes Eis» auf verschiedene Art lesen: als Liebeserklärung, als posthistorischen Abgesang, als archäologische Recherche, als philosophischen Traktat, als Reiseführer und Landeskunde im bestmöglichen Sinn. Was erfährt man hier nicht alles über Russland über die banja als Ort des Gesprächs, über die Kartoffel als heilige Pflanze, über die Kultur der Sünde (nicht der Schuld), über die staatstragende und sinnstiftende Funktion der Schriftkultur, über den «monumentalen Historismus» des Stils, den Weg des Fastens, über die totalitäre Tradition der Häresie, über die Schwatzhaftigkeit der Menschen im Norden und ihren Umgang mit dem Tod. Ein Glossar von Schlüsselbegriffen am Ende des Bandes führt über die Sprache tief hinein in die spezifisch russische Welterfahrung. «Schwarzes Eis» indes ist noch etwas: ein grandioses Buch über den Norden und seine Natur. Selbst wer sich für Historie nicht interessiert, darf sich hinsetzen, «schauen und horchen und schweigen», um durch eine Sinfonie von Farben und Formen, Gerüchen und Tönen beschenkt zu werden. Das Weiss des Schnees, das Schmelzen des Eises, der Taumel des Frühlings, die Hochzeit des Sommers (und der Versuch ihrer Fortsetzung im Alkohol), die Verletzlichkeit der Tundra, das Flirren der Seen und das Kochen der Winde, der Kosmos der Fische, Pilze, Beeren und hoch über allem die Polarnacht, deren Magie sich allen Worten entzieht Wilk vermag seine Faszination mit Hilfe seines Übersetzers Martin Pollack in Bilder von mystischer Schönheit und erhabener Stille zu fassen. Im Norden sei die Wirklichkeit dünner als anderswo, im Winter öffne sich «das Innere der Welt», schrieb Pawel Florenski, auch er ein Opfer des SLON. Wer Mariusz Wilk gelesen hat, meint zu ahnen, warum die Menschen diesem Ort verfallen sind. Freilich: Wo einen die Kälte umgreift, ist man auch dankbar für Wilks Humor und Selbstironie. Fest muss der Buchstabe sein im Morast der Welt, doch der Wärme darf er nicht entbehren.
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