Sex ist modern geworden in Frankreich, und die französischen Schriftsteller scheinen alle Henry Miller neu entdeckt zu haben. Nach Houellebecq und Millet widmet sich nun auch Djian der klinischen Pathologie des Sexus. Doch zu meinen, es ginge nur oder auch nur hauptsächlich um Sex, wäre verfehlt.
Der alternde Schriftsteller Francis erwartet an seinem Geburtstag die Rückkehr seiner Frau und seiner Kinder - und deren Flugzeug explodiert in der Luft wie der Boden der Realität unter Francis' Füßen. In seiner neuen Realität schlägt ihm seine Frau Edith vor, es einmal mit einem Porno zu versuchen und Francis setzt sich an einen neuen Roman, worüber man lange nichts erfährt, außer dass er über 1000 Seiten geschrieben hat. Der Porno spielt sich nun in Francis' Leben ab - oder in seiner Phantasie, man weiß es nicht wirklich. Pathologisch steigert er sich von diversen Schrulligkeiten zu einem ausgewachsenen Verfolgungswahn. Erlebt er die Eskapaden mit Olga, seiner Bekannten, und Nicole, der Frau des von ihm bewunderten jüngeren Schriftstellers Patrick wirklich?
Djian schreibt distanzierter über Sex als in früheren Büchern, er will keine einfache erotische Spannung mehr hervorrufen, sondern strebt eine nahezu klinische Beschreibung der jeweiligen Akte an. Möglicherweise ein Ausdruck für die Distanz des Protagonisten zur Realität und zu seiner Umwelt. Francis schwankt bei seinen Affären wie bei den Beziehungen zu seiner Umwelt zwischen Distanz und Nähe - bloße sexuelle Begierde, aber auch Agression, Bewunderung, aber auch Neid und Enttäuschung, Empörung, aber auch Mitleid. Behandelt er Nicole und Olga mitleidlos, versinkt er dagegen in Bestürzung angesichts des Todes seiner Agentin und hält in rührender Liebe seine Frau und seine Kinder am Leben. Natürlich ist der Sex in diesem Roman Selbstzweck - wie bei fast allen Autoren, die über ihn schreiben, seien es Miller, Ellis, Houellebecq, Darieussecq, die Francis bzw. Djian erwähnt, oder Irving, de Sade, Berg, an die man auch denken möchte. Über Sex wird geschrieben, weil es ihn gibt - und auf verschiedenste Arten und Weisen, weil es eben diese verschiedenen Weisen gibt. Djian bildet da keine Ausnahme - weder darin, dass er dieses Thema wählt, noch darin, wie er es behandelt: nicht herrausragend, nicht innovativ, aber gelungen, auf seinen (Francis' oder auch Djians) Punkt gebracht und geschickt mit den anderen Motiven des Romans verbunden. Djian gibt mit "Schwarze Tage, weiße Nächte" keine Antwort auf die Frage "Was ist der Sex für den Menschen?", doch es geht um mehr als um das Erzählen einer Geschichte, in der es vornehmlich um Sex geht. Djian schreibt immer wieder über Schriftsteller und über das Schreiben, und so geht es hier auch um die Frage "Wie schreibt man über Sex?".
Eine durchgängige Handlung, eine Story, einen Plot, gibt es kaum, eher lose verknüpfte Handlungselemente: die sexuellen Eskapaden, die Beziehung zu Patrick und Nicole, das Geschehen Verlag, Francis' Verfolgungswahn. Dies lenkt die Aufmerksamkeit auf innere Geschehnisse. Die Ereignisse am Ende scheinen nur bedingt zwingend aus der Vorgeschichte zu folgen: eine Auflösung, die keine ist, eine Katastrophe, deren Folgen letztlich offen bleiben.
Damit ist Djian seinen klassischen Themen treugeblieben: die Grübelei über die eigene Situation, das Leben des Schriftstellers, die sozialen Beziehungen, das Älterwerden und natürlich die Liebe - in guten wie in schlechten Zeiten. All dies geprägt von Trotz und Resignation, vom Willen, etwas zu tun und der Überrschung durch die Ereignisse, von Illusionen und der lähmenden Macht der Umstände. Djian bringt nichts Neues, aber er hält sein Niveau – und er konstruiert den Spannungsbogen gerade durch die eher lose zusammenhängenden Ereignisse bis zum Ende.