Dieser bemerkenswerte Roman erzählt die Geschichte des jungen Dimke, der kurz nach dem ersten Weltkrieg bei seinem Onkel in dem schlesischen Dorf Kaltwasser seine Ferien verbringt. Der ausserordentlich sensitiv veranlagte Junge erspürt die ineinander verhakten und weit in die Vergangenheit der jeweiligen Figuren zurückreichenden Verstrickungen aus Gier, Leidenschaft und Schwäche, die alle Figuren um ihn herum in tragischer Weise aneinander binden und ihnen keinen Ausweg aus dem selbstgeschaffenen Netz aus Verbrechen und Egoismus lassen. Besonders der Bauer Starkloff, eine ins Überwirklich gesteigerte dämonisch stilisierte Figur, steht im Zentrum: Er hat das ganze Dorf wirtschaftlich in der Hand und wird schließlich ermordert. Der mit der Gabe des zweiten Gesichts geschlagene Dimke sieht diesen Mord visionär vorweg und unterlässt es dennoch, Starkloff rechtzeitig zu warnen. Sein späterer Versuch, Kaltwasser und die Erfahrungen dort zu vergessen, scheitert: Dieses Mütterchen hat Krallen, so möchte man, Kafka folgend, sagen und so ist Dimke gezwungen, zehn Jahre später zurückzukehren und seine Schuld an Starkloffs Tod durch Entlarvung seines Mörders zu sühnen.
Langes großartiger Roman stellt in visionären Bildern die Sehnsucht nach Freiheit und die Unmöglichkeit, sie zu erlangen dar: Der Mensch, als erdgebundenes Lebewesen, bleibt eingebunden in die Gesetze aller naturgebundener Kreatur. Die menschliche Welt der Moral und der Sittlichkeit ist nur die Fortsetzung des Naturzwanges mit anderen Mitteln. Auch wenn die Sühnung alten Unrechtes gelingt - jede neue Generation ist aufgrund ihre Unersättlichkeit dazu verurteilt, "neue Erbteile von Unversühntem" hinter sich anzuhäufen, die späteren Geschlechtern die Verpflichtung aufnötigt, sich dieser Erbschuld zu stellen und ihr gegenüber sich zu bewähren, was der Hauptfigur dieser Geschichte schließlich gelingt. Daß Langes Werk in den dreißiger Jahren, also zur Zeit des dt. Faschismus entstanden ist, gibt seinem Thema eine besondere existentielle Schärfe. Der Leser spürt, daß die Erfahrung der Unfreiheit, die der Roman schildert, persönlich erlebt wurde. Lange beweist ungewöhnliche Sensibilität bei der eindringlichen Beschreibung der umgebenden Natur und der Eingebundenheit des Menschen in ihr. Ihre apokalyptische Intensität kommentiert eine Epoche in der Geschichte der Menschen, in der sein Leben und Überleben im Ganzen zur Disposition steht. Warum dieses Werk nahezu vergessen ist, vermag ich nicht nachzuvollziehen. Die Handlung, obwohl vorallem die innere, geistige Seelenbewegung der Figuren darstellend, ist extrem spannend und sehr glaubwürdig gestaltet. Die von Lange beschworenen Bilder sind von dunkel brennender Schönheit, die zeigen, daß dieser Autor auch als Lyriker Bemerkenswertes geleistet haben muß. Zumindest wird jeder Kenner und Liebhaber von Trakls Seelenlandschaften auch an diesem Text seine Freude haben. Mein Fazit: Hier ist ein großer und bedeutender Roman der deutschen Literatur wieder zu entdecken, dem ich möglichst viele Leser und Liebhaber wünsche!