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4.0 von 5 Sternen
"Black Metal", die Nazis und die Germanen, 7. März 2004
An dieses Buch geriet ich bei Recherchen zum Hintergrund einiger so genannter "Black Metal-Bands". Auch wenn es (nach der Leseprobe auf der Website des Autors) meine Erwartungen nicht ganz erfüllte, halte ich es insgesamt für sehr aufschlussreich und wichtig zum Verständnis der positiven wie negativen Euphorie gegenüber der Mythologie altgermanischer Kultur. Im ersten Teil des Buches beschreibt der Autor plausibel und anhand zahlreicher Quellen das Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts aufkeimende Neuheidentum. Mit der Urbanisierung und zunehmenden Technisierung des alltäglichen Lebens wuchs die Sehnsucht nach einer "Ur-Familie", die Rückbesinnung auf gemeinsame kulturelle Wurzeln und die Verbundenheit mit der Natur. Zahlreiche Wissenschaftler, vor allem Historiker, beschäftigten sich wieder mit dem alten germanischen Sagengut. Angesichts des politischen wie wirtschaftlichen Chaos zu der Zeit suchte man in den Überlieferungen wieder Halt und klare Verhältnisse. Das führte dazu, dass jene Mythen zunehmend verklärt interpretiert und auf Dualismen wie gut - böse, Arier - Nicht-Arier reduziert wurden. Darum herum rankten sich zahlreiche, teilweise absurde pseudo-historische Interpretationen, wie z.B. der Arier-Mythos. Die Arier seien die wahre Gottheit, die vor 14.000 Jahren in der antarktischen Stadt Atlantis lebten und sich auf der Flucht vor der Eiszeit und dem Untergang der Stadt quer über den Globus verteilten und alle Kontinente besiedelten. Dort trafen sie auf niedere Rassen. Das sei der Untergang der arischen Göttermenschen gewesen, weil sie sich mit diesen vermischten. Nun gelte es zur Rettung der Welt wieder eine Reinheit der Rasse zu erreichen. So oder ähnlich abstrus lauteten die Theorien Anfang des 20. Jahrhunderts. In diese verbrämten Ideologien wuchsen die späteren NS-Führer hinein, griffen sie auf und setzten sie auf grausame Weise um. Das hatte natürlich mit der tatsächlichen, vielschichtigen Bedeutung der alten mythischen Symbole nichts mehr zu tun.
Zur Relativierung und Erklärung geht Sünner im letzten Kapitel des Buches dann noch einmal am Beispiel des Siegfrid-Mythos' und der Sage um den germanischen Gott Baldur im Detail auf diese mythologischen Hintergründe ein und arbeitet deren symbolische Vielfalt heraus.
Die mythologischen Verklärungen im "Dritten Reich" als einer der Hauptmotoren und Hintergründe für die Radikalität der faschistischen Nazi-Ideologien wurden bei den Nürnberger Prozessen völlig ausgeklammert:
"Die Hauptvollstrecker des 'arischen Mythos' entzogen sich der Verantwortung durch Flucht oder Selbstmord, und die Prozesse der Alliierten verzichteten weitgehend auf eine Analyse des 'spirituellen' Hintergrundes der NS-Ideologie. Sie konzentrierten sich auf die Untersuchung von Opferzahlen und Praktiken des Massenmordes. Airey Neave, einer der englischen Ankläger in Nürnberg, begründete einmal, warum man dort die mythologischen Hintergründe des 'Dritten Reiches' bewusst ausgeklammert hatte: 'Wenn wir die harte Evidenz solcher Dinge im Gerichtssaal vorgebracht hätten, wäre dies von der Verteidigung unzweifelhaft benutzt worden, um ihre Klienten als geisteskrank hinzustellen. Die Kriegsverbrecher wären aufgrund von verminderter Zurechnungsfähigkeit entlastet worden.'"
(Seite 142)
Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich der Autor mit den neuheidnischen Bewegungen in der zeitgenössischen Literatur, Kunst und Musik. Er zeigt dabei auf, dass die nationalsozialistischen Interpretationen der germanischen Mythologie noch immer als Keimzelle für rechtsradikale Bewegungen und faschistische Kulte dienen. Dazu gehören auch die Ufo-Verschwörungstheorien und die in Deutschland verbotenen antisemitischen Veröffentlichungen eines Jan van Helsing sowie einige Gruppen aus der Black Metal-Szene (insoweit nichts Neues). Allerdings zeigt er auch anhand von Beispielen aus der neueren skandinavischen Lyrik, dass es durchaus differenzierte und seriöse Künstler gibt, die sich mit dem altnordischen/altgermanischen Kulturgut auseinandersetzen und versuchen, dieses kulturelle Erbe in zeitgenössische Weltanschauungen zu integrieren. Den Mangel an Differenzierung gegenüber den Mythen sieht er in deren völliger Tabuisierung begründet:
"Man muss etwas wissen über Germanen, Hakenkreuzsymbolik, Runen, Kultstätten und Mythen, wenn man diesen neuen 'Propheten' mit mehr als nur moralischer Empörung gegenübertreten will. Der Schulunterricht klammert diese Themen aus, und man hat den Eindruck, dass sich Pädagogen oder Erzieher auch nicht näher damit befassen wollen. In ihrem Hang, all dies eher zu verdrängen, oder mit 'politisch korrekter' Ächtung zu überziehen, befördern sie sogar noch die Abwanderung der entsprechenden Themen in unkontrollierbare Dunkelzonen, wo sie von charismatischen Ideologen und Künstlern mit neuer Faszinationskraft aufgeladen werden. Denn vor allem viele Jugendliche sind in ihrer Suche nach glühenden Bildern und Idealen besonders empfänglich für alles Ausgegrenzte und suchen sich mit untrüglichem Instinkt gerade das heraus, was die Gesellschaft verurteilt."
(Seiten 200/201)
Wie er betont, sei der Kult des Heroischen und die Erotisierung des Krieges keinesfalls allein ein Ergebnis faschistischer Verklärung:
"Man entrüstet sich über das 'Kokettieren mit faschistischen Images', aber kein Wort der Kritik fällt zum Kult des Heroischen und der Erotisierung des Krieges, wie sie in Kinofilmen, Fantasyheften, Computerspielen und Videos
gang und gebe sind (...)."
(Seite 189)
"Unsere heimliche voyeuristische Lust an den allabendlichen 'Fernsehkriegen' wird genauso ausgeklammert wie die Begeisterung für gestählte Kino-'Terminatoren', die mit patriotischer Gesinnung 'westliche Werte' gegen 'Dunkelmänner' verteidigen. Wenn jemand von 'Schwarzer Sonne' oder vom 'Sturmgott' Wotan singt, wittert man schnell und ohne jede Differenzierung nazistisches Gedankengut, während sich niemand darüber aufregt, wie raffiniert gerade US-Regisseure in Filmen wie 'Top Gun' oder 'Independence Day' Vaterlandsliebe, Heldenverehrung und die Erotik von Kriegsmaschinen in Szene setzen. Spielen einige 'Riefenstahl'-Musiker mit Wagnerklängen, stehen sie im Verdacht 'faschistischer Ästhetisierung', aber wenn die Piloten in Coppolas 'Apocalypse Now' zur gleichen Musik vietnamesische Dörfer zerbomben, gilt das als 'Kultereignis' eines genialen Regisseurs, dessen tiefe Faszination für diese Dinge gerne übersehen wird."
(Seiten 189/190)
Sünners Plädoyer für eine differenzierte Beschäftigung mit dem Kulturgut altgermanischer Mythologie und gegen eine Tabuisierung von deren Symbolen - gerade auch im Bereich von Erziehung und Unterricht - ist deutlich zum Ausdruck gebracht. Nur wer sachlich und vielschichtig informiert sei könne kritisch bei den neueren Heidenkulten die Spreu vom Weizen trennen. So lässt er abschließend den zeitgenössischen, 1950 in der ehemaligen DDR geborenen Dichter Rudolf Schilling zu Wort kommen:
"Wir erweisen Adolf Hitler zuviel Ehre ..., wenn wir ihn zum Universalerben und Allein-Eigentümer des deutschen Mythos' ... erklären. Der Adler, die Schlange, der Gral, Wotans Speer und Siegfrieds Schwert, die Queste und der Echsen-Stein kommen von weit her und bleiben fruchtbar für künftige Zeiten, fruchtbar vor allem für den Gesang."
(Seite 211)
Fazit: Durchaus lesenswert - sollte aber im zeitgenössischen Part konkreter werden (vielleicht in der nächsten Auflage?).
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Pflichteinstieg mit Hinweis auf weiterführende Literatur, 2. Mai 2007
Sünner hat mit diesem Buch definitiv ein sehr wichtiges Werk geschrieben. Ich stimme den andereren Kritikern darin zu, dass er an der Oberfläche kratzt und teilweise eher Beispiele ausführt, als komplette Themenbereiche abzudecken. Darin liegt aber genau die positive Eigenschaft des Buches, es ist zugänglich und verliert sich nicht in ellenlanger Fachsimpelei!
Besonders wichtig erscheint mir die Tatsache, dass Sünner kaum wertend schreibt. Er gibt dem Leser die Möglichkeit sich seine eigene Meinung über die mythologischen Quellen der Nazis zu bilden und versucht dabei den Scharfsinn für die ständige Gratwanderung zwischen erwünschter Sinnstiftung und gefährlicher Kriegsideologie zu schärfen. Und es ist für den "normalen" deutschen Bürger im 21. Jahrtausend nicht leicht, solche Literatur zu beziehen. Sämtliche populären Medien greifen die Thematik 100% negativ auf und selbst die Masse an Neonazis selber scheint wenig Ahnung von den wahren Hintergründen zu haben.
Ich halte den Hinweis direkt die Werke von List etc... zu lesen für falsch, denn um dazu fähig zu sein muss zunächst die Fähigkeit besitzen zwischen geschichtlichen Fakten und ideologischer Dichtung zu unterscheiden. Und ich denke, das Werk von Sünner hilft dabei, diese Fähigkeit zu schulen.
Mit seinen Unmassen von Quellenangaben läd er auch dazu ein, sich weiter mit der Thematik zu beschäftigen. An keiner Stelle erhebt er den Anspruch, sie allumfassend behandelt zu haben.
Zuletzt noch ein Wort an die Pagan- und Blackmetalszene, in der ich selber zu Hause bin. Im Vergleich zu der Ideologie, die in manchen rechtsextremen Bänkelsängern verarbeitet wird, sind Menhir tatsächlich nur ein kleiner Fisch. Einige Männer, die sich verkleiden und Rockmusik machen. So zumindest die Wirkung auf den "normalen" Bürger. Selbst Graveland und Absurd dürften keinen vergleichbaren Stellenwert haben in der Liste der "gefährlichen, rechtsextremen" Musikgruppen, das resultiert nur aus der total albernen und überzogenen Diskussion innerhalb der Szene, die auf Grund von Provokation und mangelnder Bildung entstand.
Und das ist es, was mir an Sünners Buch so gut gefällt! Es fordert eben dazu auf, die Rechtsextreme nicht zu verteufeln sondern die Hintergründe besser zu verstehen. Wenn mehr Leute dieses Buch lesen würden und vor allem danach weiterdenken, dann könnte vielleicht ein Schritt geschafft werden, diese furchtbare Polarisierung und Tabuisierung abzuschaffen, die bei der Thematik "Nazideutschland" vorherrscht.
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20 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Naja... Für den Anfang nicht schlecht, 1. Oktober 2004
Von Ein Kunde
Wenn man sich noch nie mit Themen wie Ariosophie, germanischen Mythen im Nationalsozialismus oder moderner rechter Esoterik beschäftigt hat, mag dieses Buch ein netter Einstieg sein. Man muss auch anerkennen, dass Sünner mit diesem Buch eine populärwissenschaftliche Pionierleistung vollbracht hat, denn für die breiten Massen ist über dieses Thema bisher wenig bis fast gar nichts publiziert worden.
Aber man muss trotzdem sagen: Sünner arbeitet manchmal sehr unwissenschaftlich, oberflächlich und setzt viel auf Effekthascherei, die an manchen Stellen sehr an Guido Knopp erinnert und mit wissenschaftlicher Objektivität wenig zu tun hat. Zwar bringt Sünner viele Bewertungen über die ergründeten Tatsachen, doch bleiben diese oft nur an der Oberfläche und können aufgrund der fehlenden Tiefe der Betrachtungen schlecht nachvollzogen werden. Besonders die Passagen über Guido von List und Lanz von Liebenfels fallen mir viel zu sperrlich aus, hatte doch bei ihnen die germanische Mythologie einen viel größeren Stellenwert, als sie später bei den Nazis überhaupt bekommen wird. Auch im zweiten Teil des Buches wird Sünner oft ungenau. Besonders beim Thema Musik, im Speziellen beim Black Metal, merkt man ihm an, dass ihm die Szenekenntniss fehlt. Oft kann sich der erfahrene Leser deshalb ein Lachen nicht verkneifen. Hier hätte ich mir eine bessere Recherche gewünscht, zu der Sünner auf jeden Fall fähig gewesen wäre.
All jenen, die sich mit der Thematik tiefer beschäftigen wollen, empfehle ich, Goodrick-Clarke zu lesen - oder am besten sich mit der Primärliteratur zu befassen, denn die lässt sich heute auch noch ohne Weiteres beziehen (leider nur aus eher fragwürdigen Kreisen). Außerdem sei all jenen, die mit dem Buch "Schwarze Sonne" nicht zufrieden sind, die zugehörige DVD empfohlen, die alles in allem einen wesentlich besseren Eindruck macht, da sie weniger zu werten versucht, sondern sich mehr auf die Darstellung der Fakten beschränkt. Schön sind dabei auch die vielfältigen Bild- und Filmmaterialien, die Sünner gekonnt einsetzt. Er hätte wohl lieber bei Filmemachen bleiben sollen...
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