Beurteilt man einen Roman mit einer kriminalistischen Handlung nur nach seinem Spannungsfaktor, verfehlt man die Intention dieses Werkes von Karin Fossum. Die Autorin setzt nicht auf oberflächliche Effekthascherei, sondern schildert den Tod eines Mädchens und seine Begleitumstände in allen Facetten menschlicher Gefühle. In gewissen Passagen gelingt hier eine ernstzunehmende, bewegende Darstellung von psychologischen Feinheiten, welche die eigentliche "Krimihandlung" in den Hintergrund verschiebt.
Interessant und gleichzeitig faszinierend ist die sprachliche Aufbereitung der Geschichte - die Wortwahl nordisch karg, ohne ausschmückende, lebendige Attribute; ständig jedoch präzise, von brillianter Klarheit und unglaublicher Intensität. Da wird das alleinige Lesen bereits ohne die Wertung des eigentlichen Inhalts zum Hochgenuss! Hier ist jemand am Werk, der bewußt auf Oberflächlichkeiten und Sensationsdarstellungen verzichtet, sondern allein durch Wortgewalt und die enorme Schlagkraft der einfachen, sprachlichen Darstellung den Leser begeistern kann.
Insgesamt ein Buch, das sich seine vier Sterne vor allem durch sein schriftstellerisches Niveau und die unspektakuläre, aber doch gekonnte Verarbeitung des Inhaltes "Tod eines kleinen Mädchens" verdient. Auffällig, das man solch anspruchsvolle, sprachliche Darstellung häufig bei schriftstellerischen Erzeugnissen aus dem skandinavischen Raum antrifft. Ein Buch, von dem der "Sensations-Leser" die Finger lassen sollte, welches dem Freund des kunstvoll und ausdrucksstark geschrieben Wortes allerdings gefallen wird.