Zum Inhalt des 1962er Episodenfilms von Roger Corman nach Poe-Motiven siehe die Amazon-Angaben. Teil eins ("Morella") vereint alle Un-/Tugenden einer Roger-Corman-Poe-Adaption. Der gute Hauptdarsteller (Vincent Price), die eigenwillige schauerromantische Künstlichkeit (nicht nur, aber auch in der Farbgebung, z.B. beim Grünblau Morellas Leichnams), das letztlich parasitäre Ausnutzen des Namens Poe, von dessen Geschichte nur wenig übernommen wurde, obwohl ein Schlusszitat Werktreue vorgaukelt... Bei alldem beschlich mich das Gefühl, das schon besser und weniger plakativ gesehen zu haben; für Vielschichtigkeit ist die Episode auch entschieden zu kurz! Die wirklich sehr übertrieben raumfüllenden Spinnweben, wie kann man dort eigentlich ohne Schimmelbefall und erbärmlichen Gestank leben? Wie viel interessanter war da z.B. das Intérieur der in der Vergangenheit lebenden Miss Havisham in David Leans Great-Expectations-Adaption (1946)! Lean, der es ebenfalls opulent anging, bezog viel stärker Stilmittel wie Kamerawinkel, Kadrierung, Positionierung von Gegenständen ein, Corman hat nur Spinnweben. Das Aufbewahren der toten Morella erinnert in einer 1962er Verfilmung allzu stark an "Psycho" (1960). Das Theremin als schauerromantisches Musikinstrument und eine wenig nuancierte orchestrale Dauerbeschallung werden eingesetzt, als seien die Uhren seit Miklos Roszas Track für Hitchs "Spellbound" (1945) stehengeblieben. Gegen Ende kann Corman nicht mehr verbergen, dass er letztlich ein Billigfilmer ist, da waren Kollegen wie Edgar G. Ulmer cleverer. Ein ganzes Schloss brennt in Sekundenschnelle ab (eine Beleidigung für jeden, der sich sommers redlich beim Grillanzünden abmüht), und allzu leicht sind die Doppelbelichtungen erkennbar. Schließlich ist die Episode ab einem gewissen Punkt bis ins Letzte vorhersehbar, was ganz gut an den Reaktionen meines Sohnes abzulesen war, der diesen Film eigentlich noch einige Jahre lang nicht sehen darf. Immerhin - dass die Atmosphäre nicht ganz ihre Wirkung verliert, das war auch abzulesen. Dennoch tut dem Streifen nicht gut, dass er in viel zu kurzer Zeit sowohl den Plot als auch die genretypischen Zutaten sämtlich abzuhaken gedenkt; dadurch ist er zum Forcierten geradezu gezwungen. Ein Film ohne Aufs und Abs, eine Schussfahrt ohne Kurven, ohne die Möglichkeit eines Blicks zur Seite. Anders als beim Skifahren nicht steil, sondern flach. Höchstens drei Sterne!
Teil zwei, "Die schwarze Katze" bietet wenigstens teilweise Lichtblicke, kann aber auch nicht auf ganzer Linie überzeugen. Zwar möchte der Streifen ebenso ein Horrorfilm sein, gelingt aber immer dann, wenn er genau dies nicht ist. In den ersten zwei Dritteln ist die im Vergleich zum Vorherigen längere Episode eine glänzende und etwas böse Komödie, auf der Zielgeraden versaut es Corman aber wieder durch billigen Budenzauber, der immerhin filmgeschichtlich interessant ist: Corman erbringt nämlich den Beweis, dass Filmemachen einmal ein billiges Jahrmarktsvergnügen war, und als sei man 1962 noch in den Kinderschuhen des Mediums, flicht er eine Alptraumsequenz mit billigem Linsenverzerrer ein, der alle Personen im wahrsten Sinne des Wortes zusammenstaucht. Wo der Film zuvor freiwillig komisch war, ist er nun unfreiwillig komisch, und das Ganze sieht aus wie im Spiegelkabinett in der Jahrmarktsbude - nie war "freigegeben ab 16 Jahren" derart unpassend. Der Teil rettet sich zwar noch in ein passables Finale, hat aber seine Stärken in der gar nicht horrormäßigen Anfangsphase. Peter Lorre spielt einen niemals nüchternen und zunächst sehr unangenehmen Zeitgenossen namens Montresor (also "mein Schatz", was sich als ganz und gar bittere Ironie erweisen wird). Bei einer nächtlichen Zechtour zieht die negativ eingeführte Figur die Lacher geschickt auf ihre Seite. Hierzu trägt ein phasenweise äußerst ausgefeiltes Drehbuch bei, was der Film ansonsten vermissen lässt. So pumpt der betrunkene Montresor einmal vier Personen hintereinander an, die sich jeweils angewidert abwenden. Jedes Mal wird seine Ansprache ein ganz kleines bißchen weniger verlogen, bis er am Ende schlicht zugibt, schnorren zu wollen. Das ist brillante nuancierte Dialogschärfe, wie man sie eher bei Mankiewicz oder Wilder als Corman vermutete. Anschließend stolpert Montresor (das ist wörtlich zu nehmen) in eine Weinhändlerversammlung und misst sich mit dem angeblichen König der Weintester - nur um weitersaufen zu können. Vincent Price spielt den Konkurrenten mit einem Höchstmaß an Selbstironie und Spott über die Sitten der Weinkenner, macht den Probiervorgang zur Zeremonie, während Montresor einfach die Gläser in einem Zug leert. Und dennoch stets Wein, Hanglage und Jahrgang exakt bestimmen kann, was nicht nur die blasierte Gesellschaft zum Vergnügen des Zuschauers irritiert, sondern vielleicht auch eine tiefere Wahrheit enthält: Nur wer das Leben in vollen Zügen in sich aufsaugt, der kann es auch kennen, nicht der, der nur dran nippt. Was natürlich auch seine unangenehmen Folgen hat (hier mag man trotz des freien Umgangs mit der literarischen Vorlage gewisse Parallelen zu Poes eigenem Alkoholismus erkennen). Allein für diese Szenen, in denen sich auch einmal die Musik mit herausgehobenen Posaunen und Tuben der Komik anpasst, kann man die Episode goutieren. Insgesamt kann sie sich jedoch dem Trash-Etikett nicht ganz entziehen, und die Gründe für permanente Szenenwechsel mit Einfrierbildern sind mir immer noch rätselhaft (ist dann eine Überblendung kostengünstiger herzustellen?).
Zu Teil drei ("Der Fall Valdemar") ist schließlich nicht mehr viel zu sagen, er liegt irgendwo im Mittelfeld. Der schöne Humor des Mittelteils ist verschwunden, die Anbindung an Poe ist etwas enger. Die Verknüpfung von Hypnose und Hokuspokus scheint Relikt des 19. Jahrhunderts zu sein, aber letztlich ist dies nur plot device für etwas Tiefergehendes und eben doch angenehm Zeitloses: Was geschieht im Moment des Todes, und kann die Unsterblichkeit nicht eher Fluch als Segen sein? Sehr gradlinig und mit einem genauso charismatischen wie vorhersehbar schurkischen Basil Rathbone wird der Moribunde Vincent Price zum Opfer gemacht, bis es zu einem schauerlichen Schockeffekt kommt, bevor sich Price endgültig aus dem Diesseits verflüssigen kann. Dieser Moment wirkt jedoch in der kraftvollen Sprache Poes stärker als bei dem künstlich wirkenden Schmadder, den Corman seinem Hauptdarsteller überkippen ließ. Die Farben sehen so unnatürlich nach selbstgemixt aus, dass man sich erstmal erstaunt fragt, was das denn sein soll, anstatt sich zu fürchten oder zu ekeln - und dann sind Szene und Film auch schon vorbei.
Insgesamt vereinen sich also originelle Ansätze mit Quark, wir verrühren das Ganze mal zu einem Drei-Sterne-Menü, was bei Amazon leider etwas anderes heißt als bei Michelin. Immerhin ist der Hauptgang schmackhaft wie ein guter Wein (wenn auch schal im Abgang).