Ich lese seit mehr als 20 Jahren Bücher über das Age of Sail. Sie fesseln mich einfach. Ich bin per Bücherei eher zufällig auf Kents Bolitho-Reihe gestoßen (sehr zu empfehlen). Später kam natürlich C.S. Forester mit Horatio Hornblower. Patrick O'Brians Aubrey-Reihe machte den Abschluss. Diese drei Serien sind für mich unerreicht. Offen gesagt haben mich eine ganze Reihe anderer Reihen sogar abgeschreckt: sie sind zum Teil einfach zu seicht und sorgen dafür, dass man sich das Lesen abgewöhnt.
Was kommt nach Kent, O'Brian und Forester? Kein Age of Sail mehr? Nein, das geht nicht. Der Ullstein-Verlag versorgt lesehungrige Käufer auch weiterhin mit Futter. Leider mit stark schwankender Qualität. Eine der besseren Serien ist Paul Quincys "Turner"-Reihe. Man sollte sich nicht von den Buchtiteln abschrecken lassen. Die Bücher sind absolut nicht so schlecht wie die (vom Verlag gewählten) Titel albern und kitschig sind. Ganz im Gegenteil. Die Bücher sind sehr gut lesbar und sie sind auch interessant.
Paul Quincy alias Ole Groothus (unter dem Namen schrieb er zwei ebenfalls maritime "Husarenbrüder"-Romane) heißt im richtigen Leben Uwe Minge. Er weiß, worüber er schreibt. Wie er selbst auf seiner Internetseite über sich sagt, ist er zunächst als Schiffsjunge auf einem Küstenmotorschiff "zur See" gefahren, dann als Matrose und später als Schiffsoffizier "in die Große Fahrt gewechselt". Später war er professioneller Segellehrer. Parallel zu seiner Segellehrertätigkeit hat er dann begonnen, u.a. für Ullstein maritime historische Romane und auch Sachbücher zu übersetzen. Was hat er übersetzt? Es liest sich wie das Who is Who der neueren maritimen Romane: "Alexander Kent, Richard Woodman, David Donachie, William P. Mack, Dudley Pope, Dewey Lambdin, Julian Stockwin und Jan Needle." 30 Jahre lang ist er als Übersetzer tätig.
Schließlich hat er selbst begonnen, eigene Bücher zu schreiben. Unter dem Namen Paul Quincy erscheint seine Turner-Reihe.
Ich möchte damit beginnen, was mir gefällt: der Story-Ansatz. Quincy geht andere Wege. Quincy stellt seinen Protagonisten nicht als Midshipman an irgendeinen Mast, um ihn dann die Karriere-Leiter immer weiter hinauf zu befördern und sich selbst unter Zugzwang zu setzen. Wir lernen Turner als Leutnant kennen, der das Kommando über eine Kriegsslup übertragen bekommt. "Mitten rein ins Geschehen", könnte man sagen. Auch im vierten Band der Reihe, den ich gerade lese, ist Turner noch immer Leutnant. Um die Kriegsslup für den Leser und den Handlungsspielraum interessanter zu machen, bekommt sie neuartige Karronaden. Um den "kleinen Leutnant" storytechnisch mit mehr Möglichkeiten auszustatten, wird das Schiff keinem lokalen Admiral mit dem damit verbundenen "langweiligen" Dienst unterstellt. Es fährt unter direktem Kommando der Admiralität in London und steht tatsächlich unter dem Kommando eines Geheimdienstes, der als "Firma" in der Reihe immer mal wieder Thema ist. Damit ist ein kleines, aber kampfstarkes Schiff ohne Admiralsfessel in der Karibik und vor den Küsten der gerade entstehenden USA unterwegs. Quincy würzt das Ganze noch ein wenig und bringt mehr Farbe ins Spiel: Waldläufer und Indianer in der Besatzung, eine rassige Plantagenbesitzerin usw.
Und damit bin ich an dem Punkt angelangt, was mir nicht ganz so gefällt: manchmal ist das Ganze für meine Begriffe ein bisschen "überwürzt". Dazu kommt, dass Quincy mir ein (ganz) bisschen zu oberflächlich schreibt. Ein wenig mehr Atmosphäre, ein wenig mehr "be"-schreiben wäre schön: mehr den Wind, das Wasser, die Elemente, die Handlung auskosten. Und ruhig ein bisschen näher am "Alltag" schreiben. Das fehlt mir ein wenig. Das Age of Sail ist spannend genug. So viel mehr Außergewöhnlichkeit muss gar nicht sein. An einer Stelle bricht in einem späteren Roman der Reihe in einem Absatz bspw. an Bord das Gelbfieber aus. Im nächsten Absatz leiden die Matrosen. Im übernächsten sterben einige. Im Absatz danach wird spekuliert, woher das Gelbfieber wohl kommt. Insgesamt dauert es nur wenig mehr als eine Seite - und das Gelbfieber ist überstanden. Ein weiterer, kleiner "Kritikpunkt" ist, dass Paul Quincy oder besser gesagt Uwe Minge in den Büchern seine Herkunft nicht verleugnen kann. Es ist zum Teil etwas seltsam, wenn Turner im bildreichsten "Deutsch" flucht als stünde er mitten im Hamburger Hafen. Da vermisse ich ein wenig den Engländer, den Turner nun einmal verkörpert. Das ist ein wenig seltsam. Turners Liebesabenteuer hätten auch ruhig ein wenig weniger plastisch erzählt werden dürfen.Ein letzter Kritikpunkt, den ich äußern möchte, betrifft die eben noch gelobte Handlung: so sehr Paul Quincy wie beschrieben auch andere Wege geht - manchmal fehlt einfach die Überraschung.
Mein Fazit: Die Turner-Reihe ist für Freunde maritimer Romane absolut zu empfehlen. Nach Forester, Kent und O'Brian ist Quincy/Minge für mich erste Wahl! Trotz der Kritik. :)
P.S. Der Autor ist sehr aktiv und sehr nah dran an seinen Lesern. In einschlägigen Foren äußert er sich und liest dort auch. Einfach toll! Es lohnt sich, das Internet ein wenig zu durchsuchen!