An dieses Buch geriet ich bei Recherchen zum Hintergrund einiger so genannter "Black Metal-Bands". Auch wenn es (nach der Leseprobe auf der Website des Autors) meine Erwartungen nicht ganz erfüllte, halte ich es insgesamt für sehr aufschlussreich und wichtig zum Verständnis der positiven wie negativen Euphorie gegenüber der Mythologie altgermanischer Kultur. Im ersten Teil des Buches beschreibt der Autor plausibel und anhand zahlreicher Quellen das Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts aufkeimende Neuheidentum. Mit der Urbanisierung und zunehmenden Technisierung des alltäglichen Lebens wuchs die Sehnsucht nach einer "Ur-Familie", die Rückbesinnung auf gemeinsame kulturelle Wurzeln und die Verbundenheit mit der Natur. Zahlreiche Wissenschaftler, vor allem Historiker, beschäftigten sich wieder mit dem alten germanischen Sagengut. Angesichts des politischen wie wirtschaftlichen Chaos zu der Zeit suchte man in den Überlieferungen wieder Halt und klare Verhältnisse. Das führte dazu, dass jene Mythen zunehmend verklärt interpretiert und auf Dualismen wie gut - böse, Arier - Nicht-Arier reduziert wurden. Darum herum rankten sich zahlreiche, teilweise absurde pseudo-historische Interpretationen, wie z.B. der Arier-Mythos. Die Arier seien die wahre Gottheit, die vor 14.000 Jahren in der antarktischen Stadt Atlantis lebten und sich auf der Flucht vor der Eiszeit und dem Untergang der Stadt quer über den Globus verteilten und alle Kontinente besiedelten. Dort trafen sie auf niedere Rassen. Das sei der Untergang der arischen Göttermenschen gewesen, weil sie sich mit diesen vermischten. Nun gelte es zur Rettung der Welt wieder eine Reinheit der Rasse zu erreichen. So oder ähnlich abstrus lauteten die Theorien Anfang des 20. Jahrhunderts. In diese verbrämten Ideologien wuchsen die späteren NS-Führer hinein, griffen sie auf und setzten sie auf grausame Weise um. Das hatte natürlich mit der tatsächlichen, vielschichtigen Bedeutung der alten mythischen Symbole nichts mehr zu tun.
Zur Relativierung und Erklärung geht Sünner im letzten Kapitel des Buches dann noch einmal am Beispiel des Siegfrid-Mythos' und der Sage um den germanischen Gott Baldur im Detail auf diese mythologischen Hintergründe ein und arbeitet deren symbolische Vielfalt heraus.
Die mythologischen Verklärungen im "Dritten Reich" als einer der Hauptmotoren und Hintergründe für die Radikalität der faschistischen Nazi-Ideologien wurden bei den Nürnberger Prozessen völlig ausgeklammert:
"Die Hauptvollstrecker des 'arischen Mythos' entzogen sich der Verantwortung durch Flucht oder Selbstmord, und die Prozesse der Alliierten verzichteten weitgehend auf eine Analyse des 'spirituellen' Hintergrundes der NS-Ideologie. Sie konzentrierten sich auf die Untersuchung von Opferzahlen und Praktiken des Massenmordes. Airey Neave, einer der englischen Ankläger in Nürnberg, begründete einmal, warum man dort die mythologischen Hintergründe des 'Dritten Reiches' bewusst ausgeklammert hatte: 'Wenn wir die harte Evidenz solcher Dinge im Gerichtssaal vorgebracht hätten, wäre dies von der Verteidigung unzweifelhaft benutzt worden, um ihre Klienten als geisteskrank hinzustellen. Die Kriegsverbrecher wären aufgrund von verminderter Zurechnungsfähigkeit entlastet worden.'"
(Seite 142)
Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich der Autor mit den neuheidnischen Bewegungen in der zeitgenössischen Literatur, Kunst und Musik. Er zeigt dabei auf, dass die nationalsozialistischen Interpretationen der germanischen Mythologie noch immer als Keimzelle für rechtsradikale Bewegungen und faschistische Kulte dienen. Dazu gehören auch die Ufo-Verschwörungstheorien und die in Deutschland verbotenen antisemitischen Veröffentlichungen eines Jan van Helsing sowie einige Gruppen aus der Black Metal-Szene (insoweit nichts Neues). Allerdings zeigt er auch anhand von Beispielen aus der neueren skandinavischen Lyrik, dass es durchaus differenzierte und seriöse Künstler gibt, die sich mit dem altnordischen/altgermanischen Kulturgut auseinandersetzen und versuchen, dieses kulturelle Erbe in zeitgenössische Weltanschauungen zu integrieren. Den Mangel an Differenzierung gegenüber den Mythen sieht er in deren völliger Tabuisierung begründet:
"Man muss etwas wissen über Germanen, Hakenkreuzsymbolik, Runen, Kultstätten und Mythen, wenn man diesen neuen 'Propheten' mit mehr als nur moralischer Empörung gegenübertreten will. Der Schulunterricht klammert diese Themen aus, und man hat den Eindruck, dass sich Pädagogen oder Erzieher auch nicht näher damit befassen wollen. In ihrem Hang, all dies eher zu verdrängen, oder mit 'politisch korrekter' Ächtung zu überziehen, befördern sie sogar noch die Abwanderung der entsprechenden Themen in unkontrollierbare Dunkelzonen, wo sie von charismatischen Ideologen und Künstlern mit neuer Faszinationskraft aufgeladen werden. Denn vor allem viele Jugendliche sind in ihrer Suche nach glühenden Bildern und Idealen besonders empfänglich für alles Ausgegrenzte und suchen sich mit untrüglichem Instinkt gerade das heraus, was die Gesellschaft verurteilt."
(Seiten 200/201)
Wie er betont, sei der Kult des Heroischen und die Erotisierung des Krieges keinesfalls allein ein Ergebnis faschistischer Verklärung:
"Man entrüstet sich über das 'Kokettieren mit faschistischen Images', aber kein Wort der Kritik fällt zum Kult des Heroischen und der Erotisierung des Krieges, wie sie in Kinofilmen, Fantasyheften, Computerspielen und Videos
gang und gebe sind (...)."
(Seite 189)
"Unsere heimliche voyeuristische Lust an den allabendlichen 'Fernsehkriegen' wird genauso ausgeklammert wie die Begeisterung für gestählte Kino-'Terminatoren', die mit patriotischer Gesinnung 'westliche Werte' gegen 'Dunkelmänner' verteidigen. Wenn jemand von 'Schwarzer Sonne' oder vom 'Sturmgott' Wotan singt, wittert man schnell und ohne jede Differenzierung nazistisches Gedankengut, während sich niemand darüber aufregt, wie raffiniert gerade US-Regisseure in Filmen wie 'Top Gun' oder 'Independence Day' Vaterlandsliebe, Heldenverehrung und die Erotik von Kriegsmaschinen in Szene setzen. Spielen einige 'Riefenstahl'-Musiker mit Wagnerklängen, stehen sie im Verdacht 'faschistischer Ästhetisierung', aber wenn die Piloten in Coppolas 'Apocalypse Now' zur gleichen Musik vietnamesische Dörfer zerbomben, gilt das als 'Kultereignis' eines genialen Regisseurs, dessen tiefe Faszination für diese Dinge gerne übersehen wird."
(Seiten 189/190)
Sünners Plädoyer für eine differenzierte Beschäftigung mit dem Kulturgut altgermanischer Mythologie und gegen eine Tabuisierung von deren Symbolen - gerade auch im Bereich von Erziehung und Unterricht - ist deutlich zum Ausdruck gebracht. Nur wer sachlich und vielschichtig informiert sei könne kritisch bei den neueren Heidenkulten die Spreu vom Weizen trennen. So lässt er abschließend den zeitgenössischen, 1950 in der ehemaligen DDR geborenen Dichter Rudolf Schilling zu Wort kommen:
"Wir erweisen Adolf Hitler zuviel Ehre ..., wenn wir ihn zum Universalerben und Allein-Eigentümer des deutschen Mythos' ... erklären. Der Adler, die Schlange, der Gral, Wotans Speer und Siegfrieds Schwert, die Queste und der Echsen-Stein kommen von weit her und bleiben fruchtbar für künftige Zeiten, fruchtbar vor allem für den Gesang."
(Seite 211)
Fazit: Durchaus lesenswert - sollte aber im zeitgenössischen Part konkreter werden (vielleicht in der nächsten Auflage?).