Aus der Amazon.de-Redaktion
Auf knapp 500 Seiten präsentiert uns Eric Frey, Chef vom Dienst der österreichischen Tageszeitung Der Standard, die Ergebnisse seiner umfassenden Recherchen über die Sündengeschichte der USA, die diese in der Gesamtschau geradezu als eine kriminelle Vereinigung erscheinen lassen. Das Buch beginnt bei der Vernichtung der Indianer, die der Autor ausweislich der Überschrift des ersten Teils seiner Ermittlungsakte zu den in der Zeit von 1776 bis 1945 begangenen "Jugendsünden der USA" zählt. In die "Jugendzeit" der letzten verbliebenen Weltmacht fällt demnach auch der Zweite Weltkrieg und die Befreiung Europas von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft, an der die USA immerhin auch maßgeblich beteiligt gewesen sein sollen.
Doch auch dieses Kapitel der amerikanischen Geschichte ist Frey zufolge nicht frei von gravierenden Makeln. Bereits für den Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland weist 1920er-Jahren und der gravierenden wirtschaftspolitischen Fehler, die in die Weltwirtschaftskrise mündeten, eine Mitschuld zu. Auch was die Führung des an sich "gerechten Krieges" gegen Nazi-Deutschland und seine Verbündeten anbelangt, ist das von Frey zusammengetragene Sündenregister der USA lang und reicht von den auf zivile Ziele gerichteten Bomben bis zu den Atombombenabwürfen auf Japan. Und selbst was das allerdunkelste Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts betrifft, wirft Frey den USA zumindest unterlassene Hilfeleistung vor. "Warum", so fragt er, "wurden die Gaskammern von Auschwitz nicht bombardiert, um so den Holocaust an Europas Juden zu stoppen oder zumindest einzudämmen?" Die gegen solche Forderungen damals vorgebrachten Argumente jedenfalls, wie "das Lager sei für amerikanische Kampfflugzeuge nicht erreichbar, sodass die Bomber nicht geschützt wären", hält er für nichts als Ausflüchte: "Im Herbst und Winter 1944 flog die US-Luftwaffe jedoch zahlreiche Angriffe auf Industrieziele, die nur wenige Kilometer von Auschwitz entfernt lagen."
Im dritten und vierten Teil seines Schwarzbuches setzt sich der Autor dann akribisch mit der amerikanischen Gegenwart auseinander -- mit den "Sünden gegen die eigene Bevölkerung" ebenso wie mit jenen "gegen den Rest der Welt". Angefangen beim immer drastischeren Auseinanderdriften von Arm und Reich, das unberechenbare Justizsystem, in dem das Recht zur Lotterie verkomme, die Todesstrafe bis hin zur Präventivkriegsdoktrin der Regierung Bush und dem, was sie sich im Zusammenhang damit bislang hat zu Schulden kommen lassen.
Kurzum: Gäbe es ein Weltengericht und wäre Frey dessen Ankläger, es stünde nicht gut um den selbst ernannten Weltpolizisten USA, dem man nur wünschen könnte, dass sich baldmöglichst ein Autor fände, der sich mit ähnlichem Furor an das Verfassen einer Verteidigungsschrift machte. Auf die müssen wir einstweilen noch warten. Die Schrift des Anklägers aber, ob wir ihr nun folgen oder nicht, ist zumindest lesenswert. --Andreas Vierecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Schwarzbuch USA von Eric Frey. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Einleitung
Die Vereinigten Staaten von Amerika könnten ein wunderbares Land sein. Sie wurden von Menschen gegründet, die religiöser Verfolgung, politischer Unterdrückung und der Armut in Europa entkommen wollten und sich bald von ihren britischen Kolonialherren lossagten. Die Politiker der ersten Stunde wie Thomas Jefferson und James Madison waren Kinder der Aufklärung, die in ihrer Unabhängigkeitserklärung feststellten: "Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden - darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück." Zehn Jahre später schrieben sie eine Verfassung, die den Interessensausgleich verschiedener Gruppen zur Verhinderung jeder Tyrannei zum obersten Ziel erklärte und schufen ein demokratisches System, das heute noch hält. Sie garantierten in den Zusatzartikeln zur Verfassung das Recht auf Religions-, Meinungsund Pressefreiheit und verabschiedeten zahlreiche Gesetze, um die Bürger vor der Willkür des Staates zu bewahren. Dank des ausgeprägten Schutzes der Eigentumsrechte entwickelten die USA eine freie Marktwirtschaft, die sie zum reichsten Land der Welt machten.
Die Amerikaner übernahmen auch Verantwortung für die Welt: Im 20. Jahrhundert schüttelten die USA ihren Isolationismus ab und griffen an der Seite Großbritanniens, inzwischen der engste Verbündete, in die europäischen Kriege ein. Präsident Woodrow Wilson trat 1917 in den Ersten Weltkrieg ein mit den Zielen, "einen Krieg zum Ende aller Kriege" zu führen und "die Welt sicher für Demokratie zu machen". Wilsons Liste der 14 Punkte, mit der er zur Konferenz von Versailles reiste, versprach den Völkern Europas das Recht auf Selbstbestimmung und signalisierte die Abkehr von der zynischen Realpolitik der europäischen Großmächte.
In der dunkelsten Stunde des alten Kontinents beteiligten sich die USA 1941 am Kampf gegen Nationalsozialismus und Faschismus und nützen ihren militärischen Triumph zu einer neuen Politik, die auch den Verlierern Freiheit und Wohlstand schenkte. Sie finanzierten mit dem Marshall-Plan das erfolgreichste Hilfsprogramm aller Zeiten, arbeiteten bereitwillig an einer multilateralen Weltordnung unter Führung der UNO mit und hielten vierzig Jahre lang den Kommunismus im Schach, bis dieser zusammenbrach und Europa sich unter dem Banner von Demokratie und Marktwirtschaft wieder vereinen konnte. Wenn irgendwo in der Welt die Menschenrechte mit Füßen getreten und Völker massakriert werden, dann ruft niemand nach russischen Truppen oder der Europäischen Union, sondern nach der demokratischen Supermacht Amerika.
Für Menschen aus aller Welt bleiben die USA das Land der Hoffnung, und mehr als eine Million betreten jedes Jahr als legale oder illegale Einwanderer die USA, um am "amerikanischen Traum" teilzuhaben. Auch Besucher sind rasch von der Dynamik der Wirtschaft, dem hohen Niveau der Universitäten und Forschungseinrichtungen, der Vielfältigkeit der Gesellschaft, der Freiheit und Kritikfähigkeit der Presse und vor allem dem Optimismus und der Freundlichkeit der Amerikaner beeindruckt. Es ist ein Land, in dem Nachbarn einander kennen und jederzeit helfen, in dem Menschen den Glauben an Gott und dessen Gebote ernst nehmen, in dem die meisten überzeugt sind, dass auch sie es ganz nach oben schaffen können; ein Land, in dem ein junger Polizistensohn aus der Steiermark Weltstar, Millionär und schließlich Gouverneur des bevölkerungsreichsten Bundesstaats werden kann.
All das ist Teil der amerikanischen Realität - doch es ist eben nur ein Teil der Realität. Es gibt zahlreiche Schattenseiten, die den amerikanischen Traum vielen als Albtraum erscheinen lassen. Die USA sind ein Land, in dem ein Fünftel aller Kinder in Armut leben, in dem die Kriminalität durch unbeschränkten Waffenbesitz gefördert wird, in dem Justizskandale zum Alltag gehören, in dem zwei Millionen Menschen im Gefängnis sitzen - oft nur wegen geringer Vergehen -, in dem jedes Jahr Häftlinge ohne ausreichende Schuldbeweise hingerichtet werden, in dem die Menschen immer übergewichtiger werden, die religiöse Intoleranz zunimmt, die Demokratie zu einer tragischen Lachnummer verkommt und die Unternehmensbosse sich auf Kosten ihrer Mitarbeiter und Aktionäre bereichern. All das ist Amerika.
Durch ihre Außenpolitik sind die USA vor allem unter George W. Bush zu einer Bedrohung des Weltfriedens geworden. Sie verachten das Völkerrecht, zertrümmern die internationalen Institutionen und beanspruchen das Recht, als einzige Hegemonialmacht eine unipolare Welt zu beherrschen. Sie predigen den Freihandel und verfallen selbst bei jeder Gelegenheit dem Protektionismus, sie halten sich für großzügig und geizen bei der Entwicklungshilfe. Sie verwüsten die eigene Umwelt und sind durch ihren ungezügelten Ausstoß von Treibhausgasen die Hauptverantwortlichen für den Klimawandel. Sie glauben, Gott an ihrer Seite zu haben, und üben sich dabei in Scheinheiligkeit. Ein Volk, das so gerne bewundert und geliebt werden möchte, wird zunehmend zum Ziel von Ablehnung und Hass - selbst unter den eigenen Verbündeten.
Der Krieg gegen den Irak wurde zum deutlichsten Beispiel amerikanischer Heuchelei: Ein illegaler und unnötiger Krieg wird aufgrund falscher und gefälschter Beweise entfesselt und damit zwar ein grausamer Tyrann weggefegt, aber dem Land weder Frieden noch Sicherheit gegeben. Die amerikanische Geschichte ist voller Beispiele, in denen die Ideale der eigenen Verfassung und das Streben nach einer besseren Welt mit Füßen getreten wurden und viele Menschen durch die Politik der Vereinigten Staaten ums Leben kamen - von der Vernichtung der Indianer und der Versklavung der Schwarzen bis zum Vietnam-Krieg und der Unterstützung zahlreicher Diktaturen in der Dritten Welt.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.