Vorweg: In der Bewertung dieses "Handbuches" stimme ich definitiv nicht mit meinen Vorrednern überein.
Meine Erwartungen an das Buch waren vor dem Kauf sehr hoch. Ich erwartete eine Flut an Informationen, gebündelt von fachlich qualifizierten, neutralen Autoren, die in den normalen Massenmedien keine Verwendung finden. Der Eindruck hat sich nach einigen Kapiteln in das komplette Gegenteil verkehrt, so dass ich das Buch nun als Fehlinvestition in die hinterste Ecke meines Bücherregals verbannt habe.
Schon beim Vorwort fiel mir die merkwürdige Art und Weise auf, die mich eher an eine links-reaktionäre Streitschrift der Alt-68er erinnerte als an ein auf Fakten fußendes Buch. Die "Neutralität" fiel dann auch gleich auf der zweiten Seite mit dem Satz:
"Die Parteien haben sich - bis auf eine Ausnahme - gegen ihre Wähler zusammengeschlossen, und entscheiden über Wahrnehmungen und Realitäten."
Es roch schon stark nach einer Parteibroschüre der Linkspartei/SED, was sich dann auch in dem weiteren Verlauf bestätigte.
Die Auswahl der Autoren reicht von Soziologen/Sozialwissenschaftler, über Gewerkschaftsfunktionäre, sowie Journalisten, bis hin zu den Globalisierungsgegnern von attac und den Schreibern der linken Zeitschrift Ossietzky. Dementsprechend waren auch die Artikel gefärbt. Ob die leidenschaftliche Forderung von Mindestlöhnen, die jeder Erstsemesterstudent der Wirtschaftswissenschaft in drei Sätzen entkräften kann, oder das Eintreten für die Unternehmenslenkung durch Gewerkschaften; die Deklarierung der Bundeswehr respektive NATO als Armee(verbund) der Angriffskriege, oder der Eintritt für unbeschränkte Migration in die deutschen bzw. europäischen Sozialsysteme: In wirklich jedem Artikel schwingt die linke, weltfremde Art mit, dass sich ja alles verbessern ließe, wenn man nur die Ursache bekämpfen würde. Für Erfahrene war die Antwort keine Überraschung: Der Kapitalismus bzw. die Marktwirtschaft sind an allem und jedem Missstand schuld
Dass, wie in dem Kapitel über Armut und Reichtum, der Kapitalismus überhaupt soviel Wohlstand geschaffen hat, dass sich Menschen mit so einem hohem Lebensstandard in Deutschland überhaupt als "arm" bezeichnen können, fällt völlig unter den Tisch. Ebenso wird die Hypothekenkrise einzig dem System und den (privaten) Banken zugeschoben, den verantwortlichen Politikern (vor allem dem beschlossenen "Community Reinvestment Act" der Regierungen Carter & Clinton) jedoch nicht, was einer völligen Verdrehung von Ursache und Wirkung gleichkommt. Der "Markt" korrigiert nur die fehlerhaften Entscheidungen der Politiker und Staatsbanken. Diese Liste lässt sich beliebig fortführen.
Einziger "Lichtblick" waren die Europa-Kapitel 2 und 3. Diese hatten nur die Schwäche in der Interpretation der Ablehnung der Iren, die nicht mehr sozialistischen Staat haben wollten, sondern mehr Freiheit.
Wen wirklich nützliche Bücher über die wirtschaftlichen Zusammenhänge und Hintergründe in unserer Gesellschaft interessieren, der sollte sich bei Herrn Prof. Hans-Werner Sinn oder Hans Olaf Henkel umschauen, welche deutlich mehr wissenschaftliche Kompetenz und weniger parteipolitische und ideologische Kampfschriften bieten. Für den Grundsatz über Freiheit und die daraus resultierende Notwendigkeit des Kapitalismus sei jedem das Buch "Kapitalismus und Freiheit" von Milton Friedman ans Herz gelegt.
Schlussendlich kann man eigentlich nur sagen, man hätte es wissen können. Wie sollte Gabriele Gillen, eine studierte Theaterwissenschaftlerin, auch nur halbwegs kompetente Aussagen über den Niedriglohnsektor machen? Bei Krankheit geht man zu einem studierten Arzt, in Wirtschaftsfragen zu einem Ökonom... und nicht zum einem journalistischen Bäcker.