Der dritte Roman um Oberinspektor Chen im China der 90er Jahre ist der bislang politisch kritischte Roman in dieser Reihe.
DIE STORY:
OBERINSPEKTOR CHEN läßt sich von dem Geschäftsmann GU "überreden", eine Projektbeschreibung für ein geplantes großes kommerzielles Bauvorhaben in Shanghai, für das internationale Investoren und Banken gefunden werden sollen, ins Englische zu übersetzen. Hierfür soll er ein fürstliches Honorar bekommen (wahrscheinlich schwarz?). Um den Auftrag termingerecht erfüllen zu können, läßt CHEN sich beurlauben. Während der Übersetzungsarbeit wird CHEN von GU reichlich mit weiteren Annehmlichkeiten "unterstützt" so wird ihm unter anderem für diese Zeit eine Sekretärin - "Weiße Wolke" - an die Seite gestellt und gibt es einiges an "Zusatzausstattung" für sein Appartment.
Demgegenüber ist die HAUPTWACHTMEISTER YU und seiner Familie am Ende von DIE FRAU MIT DEM ROTEN HERZEN zugesprochene Wohnung wieder aberkannt worden. Verantwortlich hierfür war angeblich ein erforderlich gewordener Ausgleich von Verpflichtungen staatlicher Betriebe. So recht glauben mag diese Begründung indes niemand.
Dann geschieht ein Mord. Weil OBERINSPEKTOR CHEN nicht greifbar ist, wird HAUPTWACHTMEISTER YU von PARTEISEKRETÄR LI mit den Ermittlungen für die Spezialabteilung beauftragt; immerhin handelt es sich um eine politische Tat, weil YIN LING, das Opfer, eine Dissidentin war. Sie hat YANG, einen kritischen - in Zeiten der Kulturrevolution als Kapitalist (sog. Schwarzer) eingestuften - zur Landarbeit verdammten Dichter geliebt. Nach dessen Tod hat sie einen Roman veröffentlicht, der autobiographisch aufzeigt, wie jemand wie YANG unter der Herrschaft der "Roten" zu leiden gehabt hat.
Ermordet wurde YIN in ihrem kleinen Zimmer in einem shikumen-Haus, einem zweistöckigen Mehrfamilienhaus, in dem üblicherweise etwa 12 Familien leben. Wegen der räumlichen Enge konzentrieren sich die Ermittlungen auf die Bewohner dieses Hauses. Nachdem sich zwei Tatverdächtige herauskristallisiert haben, kommt es dann doch zu einer unerwarteten Auflösung mit einem Täter, der aus einem Motiv in bester "kapitalistischer Tradition" heraus die Tat begangen hat
FAZIT:
Für mich ist dies wieder ein faszinierender Roman von XIAOLONG. Mehr noch als bei den beiden Vorgängerromanen um OBERINSPEKTOR CHEN liegt der Reiz dieses Buches weniger in der Lösung des Kriminalfalls, als in der Schilderung der sozio-politischen Umstände im China der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Wobei sowohl das Exotische als auch die - schon fast augenzwinkernd-ironisch rübergebrachte - Schilderung der Widersprüche eines sich als sozialistisch deklamierenden Staates, der zunehmend kapitalistischen Verhaltensregeln folgt, den besonderen Lesereiz ausmacht. So deutlich kritisch und entlarvend war XIAOLON in den beiden vorangegangenen CHEN-Romanen nicht. Und genau das ist es, was dieses Buch ausmacht. Es ist eben kein klassischer Kriminalroman sondern eher eine Reflexion der Veränderungen in der dem Autor (wohl doch noch) am Herzen liegenden "Heimatstadt", wie dies z.B. den meisten hervorragenden Kriminalromanen von MANUEL VÁZQUES MONTÁLBAN innewohnt.
Die 4 Sterne beziehen sich also nicht auf die Qualität als Genreroman. In dieser Kategorie wären wohl lediglich 3 Sterne angebracht. Die 4 Sterne verdient der Roman aufgrund seiner authentischen Darstellung einer für uns nur schwer begreifbaren Kulzur und seiner schonungslosen Offenlegung der dort anzutreffenden politischen Widersprüche.
Wie immer deshalb viel Spaß beim Nachlesen.