Doch, es ist möglich. Wir können heute in Deutschland in Würde altern. Aber dieses Glück ist nicht allen beschieden. Zu groß sind immer noch die Defizite in der Altenpflege. Sind uns die "Mindestanforderungen für eine menschenwürdige Grundversorgung", die der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek formuliert hat, zu teuer, um sie allen alten Menschen zukommen zu lassen? Was müssen wir politisch fordern? Was kann der Einzelne tun um sich auf das eigene Altern vorzubereiten? Was können Angehörige tun? Das Buch ist eine Bestandsaufnahme und gibt Tipps und Anregungen.
Nicht zufällig gibt das erste Kapitel einen Blick frei in den Alltag dementer Menschen. Es geht um die Würde des "sehr alten und des kranken Menschen". Es geht um Pflegekosten, wie sie bezahlt werden können, welche Pflegeversicherungen empfehlenswert sind und welche nicht. Und natürlich um Alten- und Pflegeheime. Prominente, wie die früheren Politiker Henning Scherf und Hans-Jochen Vogel verwirklichen verschiedene Vorstellungen; ersterer lebt in einer Alten-WG, letzterer in einem Altenwohnstift (und beide bestehen natürlich darauf, dass *ihre* Wahl die bessere sei). Wie findet man ein gutes, ein den eigenen Finanzen angemessenes Heim? Was kostet es? Fragen an die Heimleitung und Tipps dazu, worauf man achten sollte. Irgendwann geht es mit unserem Leben dem Ende zu - aber nicht einmal das ist einfach: "Das Sterbendürfen ist zur juristischen Kunst geworden". Wir beginnen Angst zu haben, dass der medizinische Fortschritt am Ende nicht zum Segen, sondern zum Fluch wird. Angehörige sollten entscheiden können, ob eine Magensonde gelegt werden *darf*, nicht *muss*! Informationen gibt das Buch auch zur Patientenverfügung, also zum ausdrücklichen Willen des Patienten, wenn er ihn nicht mehr ausdrücken kann. Norbert Blüm, der Finanzexperte Bernd Raffelhüschen und der Pflegeheim-Kritiker Claus Fussek diskutieren über eine sinnvolle Pflegeversicherung.
Grundlage des Buches ist eine Artikelserie in der Süddeutschen Zeitung. So ist es naheliegend, dass es in journalistischem Stil mit einer gewissen Leichtigkeit geschrieben ist. Außerdem sind Erfahrungen von Lesern der Artikel in das Buch eingeflossen. Es ist eine nachdenkenswerte und hilfreiche Lektüre für alle, die sich mit diesem Thema befassen wollen oder müssen, also Betroffene und Familienangehörige. Und für diejenigen, welche die Artikel in der SZ nicht gelesen oder schon wieder vergessen haben (ja, ja, die ersten Anzeichen!). Schade, dass der Epilog ein düsterer Text ist. Er soll wohl aufrütteln. Dass wir uns richtig verstehen: Die Pflegemissstände sind skandalös. Noch skandalöser ist, dass sich immer noch viel zu wenig bewegt, um diese Missstände abzustellen. Hier ist in erster Linie die Politik durch Gesetzgebung und Finanzierungsgestaltung gefragt. Dieses Thema gehört zweifellos in dieses Buch. Aber so wie der Text da am Ende des Buches steht, verbreitet er schiere Angst. Und Angst, das wissen wir aus der Neuropsychologie, behindert das Finden kreativer Lösungen. Sie lähmt.
Dabei war doch auch die Rede davon, dass immerhin siebzig Prozent der Altenwohnheime angemessene Pflege leisten, manche sind sehr gut. Und, die Mehrzahl der Menschen werden weder an Demenz, noch an Parkinson leiden. Wäre es nicht besser, die Leser mit dieser Hoffnung zu entlassen, auf dass sie überlegt und kreativ für ein würdevolles Altern vorsorgen und engagiert für die notwendigen Reformen eintreten? Das Buch lohnt sich trotzdem, da es nachdenklich macht und - hoffentlich - zum Vorausdenken animiert.