Grauen. Depression. Angst. „Schwan" ist voll gepackt mit emotionaler Tiefe, Verzweiflung und Trauer, die einen zum Heulen bringen kann, wenn man sich darauf einlässt.
Das Vorgängeralbum „Flamingo" zählt für mich persönlich zu den deutschen Alben überhaupt, wird von „Schwan" allerdings nochmals übertroffen. Texte, die wirken wie trübe, wirre, hoffnungslose Momentaufnahmen, herausgerissen aus den Leben verschiedener Personen und die durch die charakteristische, eindringliche Stimme von Sänger Jan zu emotionalen Brocken werden, die tief im Hals stecken bleiben. Seine Art zu Singen könnte vielleicht am besten mit einem panischen, gequälten Anschreien gegen die Grässlichkeit der Welt umrissen werden. Der Hörer wird mit gnadenloser Rohheit durch die Untiefen menschlicher Psyche geschleift, gemartert und gleichzeitig tief berührt.
Den Grossteil der Songs dominiert eine schräg-eigenwillige Melodieführung die im Refrain dann in dramatisch -treibenden Riffs explodiert. In manchen der Lieder finden sich auch kurze und verstörende dissonante Momente. Durch unglaubliche Detailverliebtheit und Harmoniegespür gelingt es der Band, innerhalb relativ konventioneller Songstrukturen, eine Stimmung zu erzeugen die direkt ins Herz sticht. Als exemplarisch könnte man für diesen Effekt vielleicht „es fehlte was im 2ten Karton", „Monstermutter", „Holland in Not" und den Titeltrack anführen, wobei das Hervorheben dieser Titel die übrigen nicht schlechter machen soll. Das Album hat keine Durchhänger (die Coverversion von Torpedo Moskau fügt sich, wenn auch textlich flacher, musikalisch einwandfrei in das Gesamtbild des Albums ein).
Die eigentliche Bedeutung der Texte herauszuknobeln ist wohl eine Wissenschaft für sich und vermutlich auch nicht Sinn der Sache. Denn gerade durch diese Verweigerung vor dem Konkreten ist für jeden die Möglichkeit gegeben eigen Schlüsse aus den Songs zu ziehen und die Musik individuell auf sich wirken zu lassen. Denn das tut sie. Unter umständen heftiger als einem lieb ist. Refrains wie „Und sie wandern wieder weiter, bis der Kopf den Geist aufgibt und einfach platzt", aus „Monstermutter", oder „Verdammt, er schaut Kindeleichen an Mit 20 schon verrottet. Es ekelt ihn nur an" aus „Holland in Not" fressen sich ins Gehirn und lassen so schnell nicht mehr los. Das abstruse ist, dass man diesen Liedern bei aller Schwere ihr Hitpotential nicht absprechen kann.
Turbostaat waren schon zu „Flamingo" - Zeiten unverwechselbar und haben mit "Schwan" ein Wahnsinnsalbum vorgelegt, das jedem Fan von Bands wie Muff Potter, Psycho Gambola etc. wärmstens zu empfehlen ist. Natürlich auch jedem anderen, der bereit ist sich auf Musik einzulassen, sie in ihrer Schroffheit, Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit „auszuhalten" und zu schätzen. Ein Ausschnitt aus dem Leben, so echt, dass es weh tut. Vielleicht Punk. Vielleicht Emo. Egal. Auf jeden Fall: Gut. Verdammt gut.