Für die kurzen Erzähltexte aus der Schwalbennester-Sammlung sollte man sich Zeit nehmen. Mit moderner Hektik haben Maria und Zenzi, zwei alte Bäuerinnen aus dem Bayerischen Wald nicht viel am Hut. Die beiden Schwestern leben allein auf dem geerbten Hof und haben sich viel aus früherer Zeit bewahrt. Die Lebenseinstellung und ihre Frömmigkeit, die aber auch oft mit einem ironischen Augenzwinkern verbunden ist - und natürlich eine Menge Erinnerungen an die Zeit zwischen den Kriegen und das Leben im Bayerischen Wald ohne viel Luxus und moderne Kommunikationsmedien. Auf der anderen Seite ist im Buch immer ein bestechender und vielleicht auch etwas ernüchternder Pragmatismus anzutreffen. Trotz Baden im eiskalten Grand und der Beachtung von (mitunter bösen) Vorzeichen, gibt es natürlich auch ein Auto und Tiefkühltruhe, später Fernsehen mit Satellitenanschluss. Das sei nur erwähnt, da viele bei einem solchen Buch sicher eine völlige Ausblendung des Modernen erwarten und stattdessen ein 'zurück zu den Wurzeln' oder ähnliches. Das Buch vermittelt aber eher einen entspannten Umgang mit alten und neuen Anteilen in unserer Kultur.
Die Texte sind meditativ - gleichzeitig können sie aber auch spannende Geschichten erzählen aus Kriegszeiten, aus dem Familienleben, über den Kontakt zwischen Bayern und Böhmen, über Tiere und Menschen. Dem Leser, vor allem vielleicht dem Außerbayerischen, wird sich möglicherweise nicht gleich alles erschließen, manche der Texte sind eher wie Fetzen von Gesprächen und vermitteln Eindrücke und nicht immer zusammenhängende Geschichten oder gar Anekdoten (die gibt es im Buch auch, sie stehen aber nicht so sehr im Vordergund). Eben wie in einem echten Gespräch mit alten Menschen auch Dinge vorkommen, die man vielleicht falsch versteht.
Sehr gefallen haben mir auch die Schwarz-weiss-Fotographien, die Eindrücke vom Alltagsleben auf dem Hof zur Entstehungszeit des Buchs zeigen.
Schwalbennester hat mich in vielerlei Hinsicht überrascht, der Autorin, Christine Zuppinger, einer Ethnologin, die lange auf Sizilien geforscht hat, und mit diesem Buch in ihre Heimat zurückkehrt, ist hier ein ganz besonderes Buch gelungen, was sehr viel über den Wandel der Zeit, Lebensweisheit und die Mentalität der Menschen im Bayerischen Wald mitteilt.