Die Lektüre von Michael Chabons Abenteuer- und Schelmenroman über die "Schurken der Landstraße" im sagenumwobenen Chasarenreich Ende des 10. Jahrhunderts lässt sich gut an. Der Roman weckt anfangs den Eindruck einer Geschichte, die es an nichts von jenen Dingen fehlen lässt, die das Genre reizvoll machen. Der geheimnisumwitterte Regensburger Jude Zeligman, blass, rothaarig und mager, kurz: mit einem Aussehen, das das Klischee dem fränkischen Juden des Mittelalters vorzuschreiben pflegt, und ein ebenso leidgeprüfter und in jeder Hinsicht schlagfertiger äthiopischer Jude namens Amram machen gemeinsame Sache. Mit allen Wassern gewaschen sind die beiden, und sie revidieren gekonnt das Klischee vom mittelalterlichen Juden, das man so hat. Keine erhabenen Handels- oder Weltreisenden sind sie, keine überwältigen Gelehrten, sondern beherzte Gauner, denen aber das Herz auf dem rechten Fleck sitzt. Und nun sind sie zu weltlichem Großen berufen: Wider Willen zunächst, im Laufe der Zeit aber immer engagierter und mit allem Witz und Können widmen die beiden sich der Befreiung, Rettung und Wiedereinsetzung in allen Ehren des möglicherweise hochadligen Jünglings Filaq. Dazu wagen sie sich sogar in das Chasarenreich, obwohl ihnen dieses Reich fremd und die dortige Lage unsicher ist: Gerade hat ein blutiger Militärputsch stattgefunden, und mit dem fremden Heer ist nicht zu spaßen.
Wie gesagt: Das klingt vielversprechend. Aber leider wird das Versprechen nur in den ersten Romankapiteln einigermaßen gehalten. Nach dem Beginn lässt die Handlung immer mehr nach, wird langatmig, und oft grübeln und irren sich die Romanhelden noch über Dinge, die dem Leser längst klar sind. Damit nicht genug: Vor allem im letzten Drittel des Romans findet nachgerade eine Orgie an Zufällen statt, ohne die die Handlung unmöglich in die beabsichtigte Richtung steuern würde.
Die Lektüre lohnt sich aber auch für die ersten paar Kapitel nur dann ohne Einschränkung, wenn man großzügig über sprachlichen Unfug hinwegschaut, sei er nun von dem Autor oder der deutschen Übersetzerin verschuldet: Die Wörter "scheinbar" und "anscheinend" beispielsweise verwechselt die Übersetzerin grundsätzlich, die Vokabel "fleischig" ist in ihrer mutmaßlichen neuen Bedeutung gewöhnungsbedürftig, und noch so einiges regt vor allem zum Kopfschütteln an.
Aber das sind noch die geringsten Ärgernisse. Meist versucht der Roman nämlich sprachlich das zu imitieren, was man sich als Laie so als orientalischen Stil vorstellt (der Fachmann freilich dürfte sich wundern) und oszilliert munter zwischen gelungenen Metaphern und Anschaulichkeit einerseits und Epithetenbarock andererseits. Ebenso ärgerlich sind stilistische Anachronismen; was haben zum Beispiel ein "comicähnlich[es] Blähgeräusch" oder ein "migräneglänzender Tag" in einem Roman zu suchen, der den Leser wenigstens für ein paar Stunden ins 10. Jahrhundert mitnehmen soll in den Kaukasus?
Weitaus schlimmer jedoch ist, dass Chabon bei der Recherche öfter geschludert hat, als das einem Roman guttut, der im Chasarenreich spielt und vorgibt, übers Judentum gut Bescheid zu wissen. Wieso dann ein europäischer Jude im 10. Jahrhundert "Zeligman" heißt, fragt sich der Leser gleich zu Anfang, nimmt's aber noch hin (zwangsweise ans Deutsche angeglichene Namen waren erst ein paar Jahrhunderte später üblich). Schon etwas mehr verwundert ist der Leser über das Land Aserbaidschan -- geographischer bzw. Landesname wurde das erst im 20. Jahrhundert. Und domestizierte afrikanische (nicht: indische) Elefanten? Balladen bereits im 10. Jahrhundert? Es gäbe noch mehr Erstaunliches.
Chabons Nachwort schließlich ist ganz einfach unnütz -- meiner Meinung nach. Vorsichtig formuliert. Jedenfalls hat meine Allgemeinbildung keine Probleme, sich an kämpferische Juden vor der Gründung des Landes Israel zu erinnern. Anstelle eines nichtssagenden Nachworts, in dem Chabon nichts aufschlussreiches über kämpferische Juden mitteilt, obwohl er dies doch anfangs anzudeuten scheint, wären die Seiten besser genutzt mit einem erläuternden Register. Jedenfalls glaube ich, dass viele Leser, und zwar auch Leser mit überdurchschnittlich guter Allgemeinbildung, nichts oder nur wenig beispielsweise mit den folgenden Begriffen etwas verbinden können: (Kiewer) Rus, Waräger, Radamiten, Arsinyah, Nestorianer, Feueranbeter, Swanen (= Swaneten). Und warum "Porphyrogenos" ausgerechnet als Pferdename einen gewissen Witz hat -- na klar, weiß doch jeder, gell...
Ganz zu schweigen davon, dass über die Chasaren bei seriösen Historikern aus verschiedenen Gründen wenig Wissen gesichert ist (deswegen sind die Chasaren ja auch so beliebt bei den Pseudohistorikern und Erlösungstheoretikern: Worüber man nicht viel sicher weiß, darüber kann man jede Menge Unsinn behaupten -- 's wird schon einer glauben). Nunja, wenigstens in dieser Hinsicht hebt sich Chabon angenehm vom Gesindel ab, und einige Details über die Struktur der Herrscherhäuser sowie über die mutmaßliche religiöse Vielfalt der Bevölkerung vermittelt er sogar gut (darüber vielleicht nochmal was im Nachwort, d a s wäre sinnvoll gewesen).
Wenn er mit den anderen relevanten Begriffen ebenso ordentlich vorgegangen wäre, und wenn das Ganze sprachlich beziehungsweise stilistisch weniger stelzbeinig wäre, und wenn vor allem die Romanhandlung selber mehr Pfeffer hätte -- man mag sich garnicht vorstellen, welche Prachtstücke etwa ein Isaak Babel oder ein Leo Perutz aus dem Rohmaterial gefertigt hätten...
Aber so -- nein.