Aus der Amazon.de-Redaktion
Charles Willefords
Miami Blues habe ihn zu der Gangsterstory mit dem zufälligen Opfer auf einem Flughafen inspiriert. Das "Sizilianische unseres Literaturbetriebs", so der Autor, bewirkte schließlich, "dass jenes Anfangsopfer nur der Pate selbst sein kann". Erklärungen im Vorwort. Bodo Kirchhoff wirkt vergrätzt. Martin Walser hatte die Nase vorn. Spätestens seit dessen skandalumwittertem Schlüsselroman
Tod eines Kritikers kennt man den Namen jenes "älteren Herrn mit weichem Mund und Eulenaugen" (Kirchhoff), der in diesem Sommer nun schon zum zweiten Mal ins literarische Jenseits befördert wird. Kirchhoffs Verlag hat sich entschlossen, den Roman vorzuziehen. Der Erfolg scheint vorprogrammiert -- ist aber auch ein großer Roman dabei herausgekommen?
Im Schundroman segnet der Ahnungslose, Louis Freytag genannt, passenderweise an einem Buchstand am Frankfurter Flughafen das Zeitliche. Ein Betriebsunfall nur, verursacht durch den aus Manila eingereisten Auftragskiller Willem Hold, der einen Frankfurter Großkopferten kaltmachen soll. Dummerweise hat sich der Schweigsame mit dunkler Vergangenheit und Uhrentick auf dem Nachtflug in seine Sitznachbarin, die Edelnutte Lou Schultz, verknallt. Die kühle Dame hat selbst Dreck am Stecken, ist doch kurz zuvor ein reicher Freier während des Liebesspiels unter ihr weggestorben, nicht ohne ihr einen wertvollen Picasso vermacht zu haben. Am Airport lauern nun die gierigen Erben in Gestalt einer gebrochenen Detektivfigur. Eilig inszeniert der versierte Hold, um Lou entkommen zu lassen, ein Ablenkungsmanöver. Was lediglich als Nasenstüber gedacht war, schickt den unschuldigen Kritikerpapst Freytag jedoch für immer auf die Bretter. Der Literaturbetrieb kocht. Und das kurz vor der Buchmesse!
Routiniert spult Kirchhoff seinen Plot herunter. Hammett und Chandler, fröhlich vereint mit den skurrilen Gewaltfantasien eines Tarantino. In einer wahren Blutorgie erschießt der weltmüde, einsame Wolf Hold in einem Frankfurter Nobellokal prompt den Falschen. Von nun an mischt der angeschossene Killer die halbe Mainmetropole auf, unterbrochen nur von freizügig geschilderten Liebesnächten in neonbeleuchteten Hotelzimmern, in denen er Lou seine einsilbigen Lebensweisheiten aus gefährlich gehobenem Mundwinkel entgegenquetscht. Kein Klischee aus dem Fundus der rauen Kerle dieser Welt bleibt bei dem Macho-Experten Kirchhoff ungedruckt.
Sehr bald jedoch ufert das, was als Pulp-Fiction-Verschnitt passabel begann, in den Niederungen des bundesrepublikanischen Kulturbetriebs ins Absurde aus. Killer Hold verschlägt es auf die Buchmesse, Kirchhoff hat endlich sein Thema. Hassobjekte wie Michel Houellebecq, als Sensationsautor Ollenbeck des Kritikermords verdächtigt, werden ebenso abgewatscht wie Konkurrent Walser selbst, dieser "von Freytag gedemütigte, ältere Schriftsteller". Schnell finden wir uns auf der Ebene von ZDF, Fruchtzwergen, Beckmann und Biolek wieder. Deutsche Leser werden jede Menge Schlüssellochblicke genießen dürfen. Selbst Verona Feldbusch darf als frigide Sexautorin Vanilla Campus-Busche über Bohlen räsonnieren. Pulp ade, der Alltag hat uns wieder.
Mit dem Label "Schundroman" hat sich Kirchhoff eine präventive Schutzschicht übergezogen, sich unangreifbar gemacht. Sage bitte keiner, er hätte es nicht gewusst. Und doch wurde das selbst verpasste Programm des Schundromans verfehlt. Dafür ist er zu gut. Der Kirchhoff allerdings, den man kennen und schätzen lernte, bleibt auch hinter den Erwartungen zurück. Fast entschuldigend wirken da schon die auf den letzten Seiten versammelten Pressestimmen, inklusive der Kritik des so schändlich Misshandelten, die allesamt die Stilsicherheit und Sprachgewalt des letzten, großartigen Kirchhoff-Buches Parlando rühmen. Man bleibt gespalten zurück: Tarantino auf der Frankfurter Buchmesse, das konnte einfach nicht ganz gut ausgehen. --Ravi Unger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Audiobook-Rezensionen
Der Roman mit dem programmatischen Titel erfüllt alle Kriterien des Genres Trivialroman: viel Action, die Jagd nach Geld und Sehnsucht nach Liebe. Er spielt in Frankfurt zur Buchmesse. Und wie bei Martin Walsers Tod eines Kritikers stirbt auch hier ein gottähnlicher Literaturkritiker namens Freytag, dessen Vorbild eindeutig Marcel Reich-Ranicki ist. Einerseits handelt es sich um eine Literatur- und Mediensatire, andererseits um einen spannenden Krimi.
Ganz kurz zum Inhalt: Ein Auftragskiller verfällt im Flugzeug einer schönen Blondine, die als Edelnutte einen Picasso erworben hat, und diesen nicht zurückgeben will. Lou Schultz bittet Willem Hold, ihr im Flughafen durch ein Ablenkungsmanöver zu helfen, ihren Verfolgern zu entkommen. Hold hilft ihr und haut einem eulenäugigen Typen auf die Nase. Dass der Literaturpapst Freytag bei diesem Angriff gleich stirbt, war selbstverständlich nicht geplant. Was folgt sind Verwicklungen, Verfolgungen, die große Liebe und einige sehr unschöne Todesfälle. Dazu wimmelt es nur so vor teuren Markenprodukten, vor allem Uhren von Jaeger-le-Coultre, Baume & Mercier und Co.
Bodo Kirchhoff, 1948 in Hamburg geboren, lebt seit den 70er Jahren in Frankfurt. 1990 wurde er mit Infanta, einer exotischen Liebesgeschichte, in der es unter anderem um Sextourismus geht, bekannt. Danach folgte Parlando und sein Filmmonolog Mein letzter Film, der mit Hannelore Elsner verfilmt wurde. Der immer wieder umstrittene Autor schreibt auch Drehbücher etwa für den Tatort im Fernsehen. Bodo Kirchhoff wurde mit dem Kritikerpreis für Literatur (2002) und dem Preis der LiteraTour Nord (2002) ausgezeichnet.
Die Hörspielbearbeitung von Andrea Otte, unter der Regie von Leonard Koppelmann, bedient sich passend zum Schundroman vieler Klischees. Professionell werden hier alle Kitsch-Register gezogen: Schnelle Schnitte, scharfe Dialoge, grelle Effekte und ein finster sich gerierender Erzähler Helmut Krauss. Faszinierend ist Peter Hallwachs als Willem Hold. Es scheint, als sei der Schauspieler mit seiner rauen Stimme für Gangster-Rollen prädestiniert. Und in den Dialogen mit Kathrin Angerer als Lou Schultz fühlt man sich in die Welt der dreißiger und vierziger Jahre mit ihren unvergessenen Figuren der schönen Blondine, des Einzelgängers und Privatdetektivs versetzt. Als Hörspiel mit brillanten Sprechern und spannenden Krimielementen bietet Schundroman zweifelsohne tolle Unterhaltung.
Hörspiel, Spieldauer: ca. 84 Minuten, 2 CD. Eine Produktion des Südwestrundfunk/Der Hörverlag. Mit Booklet. -- culture.text