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Diese wie ein Buch ins Buch eingeschobenen Endenich-Szenen sind eine einzige Tour de force. Härtling, inzwischen ein Spezialist für ganz eigene, hocheinfühlsame "Roman-Biographien", kam über seine Romane Schubert und Hölderlin auf Schumanns Spur. Hatte dieser die beiden doch glühend verehrt.
Zart wie ein Aquarellist breitet Härtling das Leben des -- 1810 in Zwickau geborenen -- genialen, oft verwirrten, aber auch verwirrenden Komponisten vor dem Leser aus. Dabei entsteht weit mehr als nur Biographisches. Da ist der frühe, rätselhafte Freitod der Schwester Emilie, der wie ein Beilhieb die Familie zerstört. Der Vater geht daran zugrunde. In Schumann jedoch scheint der Schmerz einen Kreativschub ausgelöst zu haben. Nach ungeliebtem Jurastudium und Reisen zu Wagner und Heine nimmt er bei dem berühmten Klavierlehrer Wieck in Leipzig Unterricht. Wiecks Tochter Clara ist zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt.
Seine ersten Kompositionen, die "Abegg-Variationen" und "Papillons" erscheinen. Frauen fühlen sich angezogen von Schumann, er bleibt ihnen gegenüber seltsam sprachlos, stammelnd. Am Klavier kann er das Nichtgesagte ausdrücken. Eine jedoch liebt er, wird ihr hörig. Lange vor Clara. Sie ist Schumanns Schicksal.
Am Schluß bedankt sich Peter Härtling bei Clara Haskil: "Sie spielte vor mehr als vierzig Jahren in Stuttgart Schumanns Klavierkonzert in a-Moll. Es klingt in meinem Gedächtnis weiter bis auf den Tag." Und führte zu diesem wunderschönen Buch. --Ravi Unger
Die letzten Jahre
Peter Härtlings Schumann-Roman
Robert Schumann ist der Schmerzensmann unter den Komponisten. Seine letzten Jahre in der Heilanstalt von Endenich, deren Umstände bis heute noch nicht ganz erhellt sind, haben ihn zum Liebling all derer gemacht, die Genialität allzu gern mit dem Wahnsinn verbinden und die Kunst mit der Zerstörung des Selbst. Schumanns Leben hat man daher als die Auseinandersetzung eines Musikers mit den Dunkelzonen der Klänge gelesen, als eine allmähliche Auflösung der Form, als grosses und tragisches Scheitern. Wie im Falle Hölderlins hat diese Perspektive ihn zu einer geheimnisvollen Gestalt gemacht, ein Schweigsamer, Brütender, den manchmal der Enthusiasmus wie ein Rausch überfiel.
Solche Deutungen hatten freilich auch eine Ursache in seiner Musik, die ja wie kaum eine andere von der inneren Spaltung handelt. Wenn es im 19. Jahrhundert bis hin zu Wagner je so etwas wie «absolute Modernität» gegeben hat, dann im Falle Schumanns, dessen fragmentarisches, skizzenhaftes und gebärdenreiches Komponieren jeden Musikfreund noch heute in helle Aufregung versetzt. Schumann war weit über seine Zeit hinaus, und seine Musik war so individuell, dass sie nicht einmal Nachahmer finden konnte.
Um so besessener wurde die Suche vieler Biographen nach den Geheimnissen dieses Lebens. Schumanns hohe Reflexivität, sein auch poetisches Genie, sein eminentes Musikwissen das liess diese Biographen immer wieder auf Schumanns Selbstdeutungen zurückgreifen. Sein Leben ist wie höchstens das Komponistenleben Mozarts immer wieder als ein Roman begriffen worden, als Dialog eines gefährdeten Menschen mit den Ambivalenzen seiner Psyche.
Auch Peter Härtling hat dieses Leben noch einmal als einen Roman verstanden. Er erzählt es in vielen kurzen, sehr dicht geschriebenen Szenen, in die er sich nur sehr zurückhaltend manchmal als Erzähler einmischt, um die Illusion nicht gar zu hoch treiben zu lassen. Auch Schumanns eigene Sätze und Sentenzen sind in Härtlings Text sehr unmerklich eingegangen, man begegnet ihnen nicht als Fremdkörper, sondern so, als hätte Härtling sie für Schumann noch einmal erfunden.
Überhaupt ist das zentrale Moment von Härtlings Studie so etwas wie behutsame Zurückhaltung. Nirgends spielt Identifikation hinein, auch kein peinliches Anlehnen des Biographen an sein Objekt. Härtling lässt vielmehr Schlüsselszenen von Schumanns Leben, die jedem Kenner bis in die Nuancen vertraut sind, zu verlangsamten Bewegungsbildern gerinnen. Man beobachtet die bekannten Gestalten des Schumann-Romans dadurch genauer. Sie werden einem noch einmal fremd, und vieles, was man früher allzu rasch zu verstehen glaubte, erhält nun eine neue Schwerkraft.
Dabei ist es nicht Härtlings Eifer, seinen Lesern die Musik verständlich zu machen. Er hat vielmehr dem skizzenhaften Komponieren Schumanns, wie es etwa in seinen episodischen Klavierkompositionen deutlich wird, einen ästhetischen Zug seines Romans entnommen. Dadurch bekommt das Buch etwas von einem versteckten Reigen, auch etwas untergründig Tanzendes, als zögen die Gestalten nach ihren Auftritten weiter in die Versunkenheit der Geschichte.
Gegen diese Lebensszenen hat Härtling Szenen der letzten Endenicher Jahre gesetzt. In seiner Danksagung erwähnt er, dass er dabei auf das ärztliche Tagebuch des Doktor Richarz zurückgreifen konnte, das Schumanns Ende detailliert schildert. Härtling kann also als Biograph gerade hier sehr genau werden, aber er tut es mit Feingefühl. Freilich erhalten die Endenicher Szenen dadurch im Ganzen des Buches etwas von einem Schwergewicht. Als Leser wird man in diese Düsternis immer wieder hineingestossen wie in einen Höllenschlund. Man atmet geradezu auf, wenn man wieder anderes Lebensgelände betritt.
So scheinen in diesem Roman die Stationen der Biographie mit den Brüchen des Endes auf vielfältige Weise verbunden. Härtling liest das Ende gleichsam aus der Biographie heraus, und er zieht diese Verbindung doch nicht allzu kausal. Er deutet an, macht Vorschläge, mehr nicht. Schumanns Bild verzerrt sich immer mehr zu dem des manchmal rätselhaft wachen, manchmal ganz und gar verwirrt Klagenden, der in Endenich immer wieder dieselbe Zeitung liest und den die Klänge verfolgen wie Quälgeister.
Um Schumann in diesem Elend nicht allein zu lassen und um andererseits dem Leser eine Brücke zu seiner Isolation zu bauen, hat Härtling dem Verstörten einen Pfleger an die Seite gegeben, einen Mann namens Tobias Klingelfeld, eine grundanständige, aber einfache und bemühte Seele, die dem Kranken nah sein will, ohne ihn in seinen Grenzen zu verletzten.
Der späte Schumann und Klingelfeld sie bilden immer mehr so etwas wie ein Paar, und in dieser Beziehung liegt der eigentliche Eifer von Härtlings Psychologie, mag sie sonst auch noch so zurückhaltend sein. In Klingelfeld rückt Härtling (mitsamt dem geduldigen Leser) seinem Schumann im wahren Sinne «zu Leibe», in dieser Figur stellt er ihm nach, liebevoll und doch mit dem Auge eines Mannes, der weiss, dass diesem Menschen zwar zu helfen, dass dieser Mensch aber nicht zu heilen ist.
Der Kranke und sein Pfleger leben sich dadurch in eine gewisse Intimität hinein, gerade in Momenten, in denen sie sich darin begegnen, bekommt Härtlings Buch etwas unsentimental Rührendes, etwas Bewegendes, vor allem zum Ende hin. Und so schliesst dieser Lebensroman denn auch mit einer Frage, die den Pfleger auf sich selbst und den Leser auf sein Schumann-Bild zurückwirft. Klingelfeld hat Schumann sterben sehen, er wird traurig, er weint: «Und ich? fragt er sich und den Toten.»
Hanns-Josef Ortheil -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Peter Härtling beschreibt in zwei immer wieder gegeneinander unterbrochenen Erzählsträngen das Leben von Robert Schuhmann.
Der eine Strang ist das sich leicht entwickelnde Leben des jungen Schumann, der andere erzählt in zunehmender Dichte wie sich seine Krankheit fort entwickelt und wie es schlechter und schwieriger für den Patienten wird.
Die Entwicklung einer Freundschaft, Liebe, Problematik, schließlich Verbindung mit Clara Wieck, einer einzigartigen Pianistin, die er schließlich zur Frau wählt und die ihn sein Leben begleitet und ihm vielfach das Überleben sichert, ist der schöne, große, lange Hauptpart dieses Buches.
Die Krankheit, eine schon in frühen Jahren zugezogene Geschlechtskrankheit, erinnert heute, in den Zeiten von Aids, eindringlich an die Beschränkungen der medizinischen Kunst. Genau wird der Krankheitsverlauf beschrieben. Es ist bedrückend zu erkennen, wie gering das Wissen der Ärzte vor 150 Jahren war und ernüchternd zu lesen wie ihre Therapien und Maßnahmen eingesetzt wurden.
Eine ungewöhnliche Biografie, die viel über den Musiker Schumann sagt, ihn aber von seiner menschlichen Seite analysiert und nicht so sehr die musikwissenschaftliche Brille trägt. Man kann sehr leicht in einen Bann gezogen werden, der einen das Buch nicht mehr so sehr als Lebensgeschichte, sondern beinahe als Krimi erscheinen lässt.
Peter Härtling beschreibt in zwei immer wieder gegeneinander unterbrochenen Erzählsträngen das Leben von Robert Schuhmann. Lesen Sie weiter...
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