Das Buch "Robert Schumann in Endenich" beschreibt die letzten Lebensjahre des spannendsten und geheimnisvollsten Komponisten der Romantik in einer Nervenheilanstalt. Ärztliche Krankenberichte über den schwer erkrankten Musiker werden hier in einem polyphonen Spiel mit den Stimmen der Zeitgenossen zu einem Geschehen verwoben. Aus Briefen und Tagebüchern der Angehörigen und Freunde sprechen als Reaktion auf die Nachrichten aus Endenich Angst, Hoffnung, Euphorie und Verzweiflung, die Krankenberichte der Ärzte selbst geben einen emotionslosen Blick von Außen auf den Patienten Robert Schumann, selten mehr. Gedanken und Gefühle des Patienten Schumann, dem tiefsinnigsten und fantastischsten Komponisten klassischer Musik, werden von den Ärzten leider nicht vermerkt. Zwei medizinhistorische Stellungnahmen von F.H. Franken und U.H. Peters im Anhang des Buches machen dem Leser bewußt, wie spekulativ und widersprüchlich eine Diagnose der Krankheit Robert Schumanns aufgrund der uneindeutigen Datenlage ist.
Alle Informationsstränge laufen tageweise chronologisch fort. Ein Leser, welcher sich auf diese spannende Art der Präsentation einlässt, trägt einen großen Gewinn davon, denn er befindet sich gleichsam in einem emotionalen Strom aus Schilderungen der Freunde Brahms und Joachim sowie der Ehefrau Clara auf der einen und den nüchternen Patientenprotokollen der Ärzte auf der anderen Seite.
Die Behandlung des seinerzeit berühmten, zwar nicht populären aber hoch geschätzten Komponisten erfolgte in Endenich nach den damaligen modernsten Standards von Wissenschaft und Medizin, daran lassen die Schilderungen in diesem Buch keinen Zweifel. Der mental und organisch unheilbar erkrankte Patient sollte sich durch ausgedehnte Ruhephasen von seiner Krankheit erholen, wirksamere Diagnosen und Therapien existierten damals noch nicht. Nach einer mehrmonatigen Phase der Besserung setzte ein unaufhaltsamer körperlicher Verfall ein, der mit dem Tod nach fast zweieinhalb Jahren in Endenich endete.
Verständlicherweise wurden die Berichte der Öffentlichkeit lange vorenthalten, denn mit den Krankenberichten rückt der Leser dem Menschen Robert Schumann sehr nah auf den Leib. Die Darstellungen bieten oft auch für den Leser quälende Momente. Dennoch ist die Publikation für die Biografie dieses rätselhaften Musikers außerordentlich wichtig: Der bemitleidenswerte Robert Schumann, der in dieser dramatischen Chronik bis zum Tod um seine Selbstbestimmung und Selbstkontrolle kämpft, gewinnt an menschlicher Größe. Die Eigenwilligkeit und Expressivität, die seine Musik auszeichnet, spiegelt sich in den Beschreibungen der Endenicher Krankenakten wider.