Wieso sich Gerlinde Unverzagt das Pseudonym Lotte Kühn gab, ist mir schleierhaft. So kühn finde ich ihr Buch gar nicht. Allerdings scheint ihr Bestseller "Das Lehrerhasser-Buch" von einem anderen Kaliber zu sein. Gelesen habe ich es nicht - nur einige der unzähligen Besprechungen auf Amazon. Die harschen Lehrerentgegnungen veranlassen mich zum Statement, kein Unbedarfter in Bildungsfragen zu sein. Die von Kühns Angriffen getroffenen Lehrkräfte scheinen sich schneller hochrappeln zu können, wenn sie der Autorin fehlende Insidererfahrung vorwerfen. Daher der folgende Extrakt aus meinem Lebenslauf: Schüler mit Erfahrung im Sitzenbleiben, Studienzeit mit Sitzstreiks, Lehrer mit gutem Schüler- und katastrophalem Behördenverhältnis, Direktor einer Privatschule mit der Kompetenz zu Entlassungen, ätzende Fronarbeit in Kommissionen staatlicher Bildungsinstitute.
Was erzählt uns die unverzagte Frau Kühne in ihrem neuen Buch also so Grässliches? Sie sagt weder Neues, noch tischt sie uns Altes in umwerfender Art auf. Sie füllt lediglich 223 Seiten mit Ansichten und Einsichten, die wir verstreut überall finden. Aber dank ihrem Lehrerhasser-Buch wird ihre Zusammenfassung eben wahrgenommen. Und das ist gut so. Denn wie bisher kann es ja schlecht weitergehen. Was zu verbessern wäre, steht bei Lotte Kühn ziemlich unmotiviert auf Seite 56. Ihr Neunzehnpunkteprogramm erscheint mir allerdings fast so wirr wie die ganze Strukturierung ihrer Streitschrift. Und ob die geforderte Akademisierung von Schulbetreuern tatsächlich das Gelbe vom Ei ist, bezweifle ich. Ausser man ist der Ansicht, gesunder Menschenverstand habe irgendetwas mit der Anzahl besuchter Vorlesungen zu tun. Meine schulische Biographie hat mich zur Überzeugung gebracht, dass unser Bildungswesen ohne echten Wettbewerb und Konkurrenz dauerhaft im Morast stecken bleibt. Es leuchtet mir partout nicht ein, weshalb sich vom Staat besoldete Lehrkräfte so vehement dagegen wehren. In Dänemark hat die teilweise Subventionierung der Konkurrenz auch nicht zum Untergang der Staatsschulen geführt. Wenn gute Privatschulen mit weniger Geld die gleichen Bildungsziele erreichen wie Staatsschulen mit viel Geld, so liegt das unter anderem daran, dass veränderungsresistenten Lehrkräften gekündigt werden kann. Korpsgeist in Ehren, aber reflexartige Lehrersolidarität gegenüber schwarzen Schafen ist ein Eigentor. Noch mehr Akademiker, noch mehr Studien, noch mehr Reformen, noch mehr Berater, noch mehr Leitung, noch mehr Psychologie und noch mehr Evaluation? Ich hätte es Lotte Kühn gedankt, wenn sie sich auf wenige Aspekte beschränkt hätte, um sie dann gekonnt auszuleuchten. Hat sie leider nicht. Das macht ihr Buch zwar nicht wertlos, aber leicht zerpflückbar. Schade. Zum PISA-Phänomen sollte man ohnehin "Theorie der Unbildung" von Konrad P. Liessmann lesen.
Mein Fazit: Bedauerlich, dass Lotte Kühn ihre Popularität nicht in den Dienst einer besseren Sache stellen konnte. Ihr neustes Buch ist ein Sammelsurium von Gedanken, Behauptungen und Einsichten und wird an den herrschenden Zuständen wenig ändern. Und vielleicht sind Sprache, Inhalt und Konzept auch Spiegel der von ihr angeprangerten Lieblosigkeit in staatlichen Schulstuben.