Laut einer Studie sind Schulen der Unglücksfaktor Nr. 1 bei deutschen Kindern - nur beim Zahnarzt sind sie noch unglücklicher. Immer schneller, immer unstrukturierter und immer kälter werden die zu Beschulenden", wie unsere Kinder bezeichnenderweise im Amtsdeutsch heißen, durch 10-12 Schuljahre gehetzt. Wäre man zynisch könnte man anmerken: ohne eine gehörige Portion Glück kommt man tatsächlich nicht unbeschadet durch unser Bildungssystem.
Da tut es gut, wenn jemand die Notbremse zieht, sich Gedanken um tatsächliche Bedürfnisse und Anforderungen macht, und mit einem neuen Schulfach einen kreativen und Mut machenden Akzent setzt.
Herr Ernst Fritz-Schubert hat die Problemlage erkannt und beschreibt unverblümt und treffsicher die Ursachen für Schulängste, Schulversagen und Gewalt. Sein Umgang mit den gewonnenen Erkenntnissen unterscheidet ihn jedoch deutlich von vielen anderen Bildungsexperten, denn Herr Fritz-Schubert sucht und findet umsetzbare, lebensnahe und erfolgversprechende Lösungen. Das schafft nur jemand, der mit sich im Reinen ist und seinen Beruf nicht als überfordernde Belastung, sondern als spannende Aufgabe und Berufung versteht.
Hier schreibt kein weltfremder Beamter, sondern jemand der mitten im Leben steht, und so werden die Mechanismen des Online-Games "World of Warcraft" ebenso beleuchtet und ausgewertet, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Bildungsexperten, Psychologen und Hirnforschung.
Gespickt mit unterhaltsamen und anschaulichen Anekdoten beschreibt das Buch die Umsetzung einer wundervollen Idee: die Einführung des Schulfachs Glück".
Inzwischen liegen erste Ergebnisse und Auswertungen vor, die sehr zuversichtlich stimmen und die These Glück ist erlernbar" zu bestätigen scheinen.
Vom Wunsch und dem Antrag beim Ministerium, ersten Konzepten und der Entwicklung des Lehrplans, dessen Genehmigung, die Arbeit mit Experten in verschiedenen Modulen bis zum Abschluss des ersten Schuljahres durchläuft man das Projekt und lernt die Grundpfeiler, Ansätze und Ziele des neuen Schulfachs kennen.
Freude am Leben, Freude an der Leistung, Freude an der Bewegung... so und ähnlich lauten die Titel der Unterrichtseinheiten, die durch verschiedene Fachleute lebhaft und interessant gestaltet wurden und die Schüler Schritt für Schritt ans Ziel führten: mehr Zufriedenheit, mehr Interesse und Leistungsbereitschaft, mehr Freude, mehr Handlungskompetenz, mehr Achtung und Respekt, mehr Verständnis, mehr Mut, mehr Gemeinschaft und Sozialkompetenz, mehr Wissen, mehr Glück...
Äußerst negativ fiel auf, dass das Deutsche Bildungswesen in zwanghafter Weise selbst das Glück" benoten muss, aber dies ist nicht der Platz für eine Diskussion über Sinn und Unsinn von Zensuren.
Ein weiterer Punkt verursacht beim Lesen ein mulmiges Gefühl. In den beschriebenen Projekten äußerten sich Schüler sehr offen und bislang verborgene Probleme und Ängste kamen ans Tageslicht. Das beweist zum einen, dass das Projekt gut funktioniert hat und dass Teilziele erreicht wurden. Es zeigt aber zum auch auf, dass die involvierten Lehrkräfte eine enorme Verantwortung tragen. In Heidelberg hat es funktioniert, aber wie wird man anderswo mit dem Vertrauen und der Offenheit der Schüler umgehen? Der Auswahl geeigneter Lehrkräfte und Modulleiter kommt eine entscheidende Rolle zu!
Und wenn wir schon bei Wunschzetteln sind, dann füge ich hinzu, dass dieses Fach unbedingt ausgeweitet werden sollte. Glück vermehrt sich bekannter weise durch Teilung und wenn wir dem noch die These Glück ist erlernbar" hinzufügen, bekämen wir durch die Ausbildung zum Glücks-Pädagogen" glückliche Lehrer! Ansätze dieses Fachs passen beispielsweise wunderbar in der LER Unterricht der Grundschulen, denn mit dem glücklich sein" kann man gar nicht früh genug beginnen, oder? Ich denke, dass dieses Fach im Präventionsbereich (Gewalt, Sucht, Gesundheit etc.) ohne erhobenen Zeigefinder und fernab zermürbender und lähmender Schuldzuweisungen unschätzbare Dienste leisten könnte.
Insgesamt bekommen sowohl die Idee, als auch das Schulfach und das Buch 5 Sterne. 190 Seiten können natürlich nur anreißen und einen groben Überblickt geben. Mein Exemplar ist jedoch nach dem Lesen sehr bunt, denn überall prangen Notizen, Vermerke und Memo-Zettel. Es gibt viel zu googeln und auch mein abzuarbeitender Bücherberg ist erneut gewachsen.
Unbedingte Empfehlung! Dieses Buch macht glücklich - zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie bitte den Amtsschimmel und seine Vertreter. Man kann nur hoffen, dass sich diese Idee fortsetzt und nicht von unglücklichen Bürokraten gestoppt wird.