Kurzbeschreibung
"Schule des Todes" Wenn Louis Vuillon seine Morde an jungen Frauen inszeniert, hält er sich streng an die Regeln seiner Schule - der "Schule des Todes".
"Eisnacht" Es ist der härteste Winter, den Wisconsin je erlebt hat. Als ein Killer eine Familie auslöscht, sagt Davenport seine Hilfe bei den Ermittlungen zu. Er macht sich auf die Suche nach dem "Eismann", einem ebenso kaltblütigen wie intelligenten Gegenspieler ...
Über den Autor
Auszug aus Schule des Todes / EisNacht. Zwei Romane in einem Band von John Sandford, John Camp, Joachim Körber, Elke VomScheidt, Wulf Bergner. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Leuchtreklame auf dem Nachbardach warf ihren flackernden blauen Lichtschein durch die Atelierfenster.
Das Licht spiegelte sich in Glas und Edelstahl: einer leeren Kristallvase in Blütenform, an deren Rand sich Staub angesetzt hatte, einem Bleistiftspitzer, einem Mikrowellenherd, Erdnussbuttergläsern, in denen Buntstifte, Pinsel und Pastellkreide steckten. Daneben ein Aschenbecher voller Centstücke und Büroklammern. Gläser mit Acrylfarbe. Messer. Eine Stereoanlage war undeutlich als Ansammlung rechteckiger Silhouetten sichtbar. Eine Digitaluhr zerhackte die Stille in rote Minuten.
Der Werwolf lauerte im Dunkeln.
Er konnte hören, wie er atmete. Spürte, wie Schweiß aus den Hautporen unter seinen Achseln trat. Schmeckte, was er abends zu sich genommen hatte. Spürte, wie die Stoppeln seiner rasierten Schamhaare stachen. Witterte den Duft der Auserwählten.
Nie fühlte er sich so lebendig wie in den letzten Augenblicken einer langen Pirsch. Manche Leute - Leute wie sein Vater - mussten jede Minute jeder Stunde von diesem Gefühl erfüllt sein: Sie lebten auf einer höheren Existenzebene.
Der Werwolf beobachtete die Straße. Die Auserwählte war eine Malerin. Sie hatte glatte, hellbraune Haut und ausdrucksvolle, braune Augen, kleine Brüste und eine schlanke Taille. Sie lebte illegal hier im Lagerhaus, duschte spät nachts
im Umkleideraum am Ende des Korridors und bereitete sich heimlich Mikrowellengerichte zu, sobald der Hausmeister heimgefahren war. Sie schlief, in Lein- und Terpentinöldüfte gehüllt, in einem winzigen Lagerraum auf einem schmalen Klappbett. Jetzt war sie unterwegs, um Mikrowellen-Fertiggerichte einzukaufen. Der Mikrowellenscheiß bringt sie um, wenn du's nicht tust, dachte der Werwolf. Wahrscheinlich tust du ihr sogar einen Gefallen damit. Er grinste.
Die Malerin würde sein drittes Mordopfer in der Großstadt und das fünfte seines Lebens sein.
Sein erstes Opfer war eine Rancherstochter, die eine abgelegene Koppel verließ und auf die bewaldeten Kalksteinhügel von East Texas zuritt. Sie trug Jeans, eine rot-weiß karierte Bluse und Cowboystiefel. Sie saß hoch in einem Westernsattel und ritt mehr mit Kopf und Knien als mit den Zügeln in ihren Händen. Sie kam geradewegs auf ihn zu, und ihr langer, blonder Zopf hüpfte auf ihrem Rücken auf und ab.
Der Werwolf hatte ein Gewehr: ein Remington Modell 700 ADL in Kaliber 27 Winchester. Er stützte seinen Arm auf einen vermodernden Baumstamm und drückte ab, sobald sie auf vierzig Meter herangekommen war. Das Geschoss durchschlug ihr Brustbein und warf sie aus dem Sattel.
Dieser erste Mord war anders gewesen. Sie war nicht auserwählt worden; sie hatte ihre Ermordung selbst provoziert. Drei Jahre zuvor hatte sie in Hörweite des Werwolfs gesagt, er habe Lippen wie rote Würmer. Wie die sich windenden roten Würmer unter den Felsen am Fluss. Das hatte sie in der Eingangshalle ihrer Highschool, von Freundinnen umringt, behauptet. Einige von ihnen hatten sich nach dem Werwolf umgesehen, der fünf Meter von ihnen entfernt stand - wie immer allein - und seine Bücher ins oberste Fach seines Schranks räumte.
Er hatte sich nicht anmerken lassen, dass er ihre Beleidigung gehört hatte. Schon seit frühester Kindheit verstand er es sehr gut, seine Gefühle zu verbergen, obwohl sie der Rancherstochter vermutlich gleichgültig gewesen wären. Gesellschaftlich war der Werwolf ein Nichts.
Aber sie hatte für diese Kränkung büßen müssen. Er bewahrte die Erinnerung an ihre Bemerkung drei Jahre lang in seinem Herzen, denn er wusste, dass seine Zeit kommen würde. Und sie kam. Von einem schnell zerplatzenden Kupfermantelgeschoss, wie Jäger es verwendeten, tödlich getroffen, kippte die Rancherstochter rückwärts vom Pferd.
Der Werwolf trabte leichtfüßig durch die Wälder und über sumpfiges Grasland. An der durch den Sumpf führenden Straße versteckte er sein Gewehr unter einem rostigen eisernen Dränagerohr. Dieses Rohr würde die Waffe tarnen, falls mit einem Metalldetektor nach ihr gesucht wurde. Allerdings rechnete der Werwolf nicht mit einer Suchaktion: Die Jagd auf Rotwild war im Gange, und die Wälder waren voller verrückter Städter, die bis an die Zähne bewaffnet waren und auf alles schossen, was sich bewegte. Der Zeitpunkt und das Waffenversteck waren lange zuvor sorgfältig ausgewählt worden. Schon in seinem zweiten Collegejahr war der Werwolf ein großer Planer.
Er ging zur Beerdigung des Mädchens. Ihr Gesicht war unversehrt, deshalb war sie in einem offenen Sarg aufgebahrt. In seinem dunklen Anzug setzte er sich so nahe wie möglich an den Sarg, starrte in ihr Gesicht und genoss das in ihm aufsteigende Machtgefühl. Er bedauerte nur, dass sie nichts von ihrem bevorstehenden Tod gewusst und diesen Schmerz nicht bis zur Neige ausgekostet hatte; und er bedauerte, dass ihm keine Zeit geblieben war, sich an ihrem Leid zu erfreuen.
Dem zweiten Mord fiel die erste der wirklich Auserwählten zum Opfer, obwohl er diese Tat nachträglich nicht mehr für eine reife Leistung halten konnte. Sie war wohl eher ein...
ein Experiment gewesen? Ja. Bei seinem zweiten Mord vermied er die Unzulänglichkeiten des ersten.
Sie war eine Nutte. Er ermordete sie in den Frühlingsferien seines zweiten Studienjahres, des Krisenjahres, in der Law School. Wie er wusste, war das Bedürfnis nach einer solchen Tat schon lange vorhanden gewesen und durch den intellektuellen Druck des Jurastudiums verstärkt worden. Und in einer kühlen Nacht in Dallas verschaffte er sich mit einem Messer zeitweilige Erleichterung an dem blassen, weißen Leib eines einfachen Mädchens, das aus Mississippi in die Großstadt gekommen war, um dort ihr Glück zu machen.
Der Tod der Rancherstochter wurde als Jagdunfall beklagt. Ihre Eltern trauerten um sie, aber das Leben ging weiter. Zwei Jahre später sah der Werwolf die Mutter der Ermordeten vor einem Konzertsaal lachen.
Die Polizei in Dallas tat die Hinrichtung der Nutte als einen mit der Drogenszene in Verbindung stehenden Straßenmord ab. In ihrer Handtasche fanden die Cops einige Kapseln Speed, und das genügte ihnen. Von ihr war nur der Name bekannt, den sie sich für die Straße zugelegt hatte. Sie kam in ein Armengrab mit diesem Namen, dem falschen Namen, auf der winzigen Eisenplakette, die das Grab bezeichnete. Sie hatte ihren sechzehnten Geburtstag nicht mehr erlebt.
Diese beiden Morde waren befriedigend, aber nicht bis ins letzte durchdacht gewesen. Die Großstadtmorde waren ganz anders. Sie waren detailliert vorbereitet, und die Taktik basierte auf sachkundiger Begutachtung der Ermittlungen in einem Dutzend Mordfälle.
Der Werwolf war intelligent. Er war Mitglied der Anwaltskammer. Er stellte die wichtigsten Regeln auf:
Niemals jemanden ermorden, den du kennst.
Niemals ein Tatmotiv haben.
Niemals nach erkennbarem Schema handeln.
Niemals eine Waffe nach Gebrauch bei sich tragen.
Niemals riskieren, zufällig entdeckt zu werden.
Niemals Beweismaterial zurücklassen.
Es gab noch weitere Regeln. Er betrachtete sie als intellektuelle Herausforderung.
Er war natürlich verrückt. Und das wusste er recht gut.
In der besten aller Welten wäre er lieber geistig normal gewesen. Seine Geisteskrankheit brachte vielfältigen Stress mit sich. Er hatte jetzt Pillen: schwarze gegen hohen Blutdruck, rötlich-braune gegen Schlafstörungen. Er wäre lieber geistig normal gewesen, aber man spielte mit dem Blatt, das einem das Schicksal gegeben hatte. Das hatte sein Vater gesagt.
Gut, er war also verrückt.
Aber nicht ganz so, wie die Polizei glaubte.
Er fesselte und knebelte die Frauen und vergewaltigte sie.
Die Polizei hielt ihn für einen Sexualverbrecher. Für einen eiskalten Triebtäter. Er ließ sich bei den Morden und den Vergewaltigungen Zeit. Die Cops glaubten, er rede mit seinen Opfern und verhöhne sie. Er benutzte Kondome. Mit einem Gleitmittel beschichtete Kondome. Bei der Obduktion hergestellte Scheidenabstriche seiner beiden ersten Großstadtopfer hatten Hinweise auf ein Gleitmittel geliefert. Da die Kondome nie zu finden waren, vermuteten die Cops, dass er sie immer mitnahm.
Psychiater, die zur Erstellung eines psychologischen Profils hinzugezogen wurden, waren der Überzeugung, der Täter habe Angst vor Frauen - möglicherweise, sagten sie, weil er in seiner Kindheit unter der Fuchtel einer dominierenden Mutter stand, die abwechselnd tyrannisch und liebevoll mit sexuellen Untertönen gewesen sei. Vielleicht habe der Täter auch Angst vor Aids, und möglicherweise - sie sprachen unablässig von Möglichkeiten - sei er im Kern seines Wesens homosexuell.
Möglicherweise, sagten sie, tue er etwas mit seinem Samen, den er in den Kondomen mitnahm. Als die Psychiater das andeuteten, sahen die Cops sich fragend an. Etwas tun? Aber was? Zu Sahnehäubchen verarbeiten? Was?
Die Psychiater irrten sich. In allen Punkten.
Er verhöhnte seine Opfer nicht, sondern tröstete sie und half ihnen mitzuwirken. Kondome benutzte er nicht so sehr aus Angst, er könnte sich anstecken, sondern um sich vor der Polizei zu schützen. Samen war Beweismaterial, das von Gerichtsmedizinern sorgfältig untersucht und klassifiziert wurde. Der Werwolf kannte einen Fall, in dem eine Frau von einem Stadtstreicher überfallen, vergewaltigt und ermordet worden war. Zwei Männer waren verdächtigt worden - beide hatten sich gegenseitig beschuldigt. Eine Samenuntersuchung hatte entscheidend dazu beigetragen, den Mörder zu überführen.
Der Werwolf hob die Kondome nicht auf. Er tat nichts mit ihnen. Er spülte sie mitsamt ihrem beweiskräftigen Inhalt im WC seiner Opfer hinunter. Und seine Mutter war keine Tyrannin gewesen. Sie war eine kleine, unglückliche, schwarzhaarige Frau, die im Sommer bedruckte Kattunkleider und breitkrempige Strohhüte getragen hatte. Sie war in seinem vorletzten Highschool-Jahr gestorben. Er konnte sich kaum noch an ihr Gesicht erinnern, aber als er einmal in Kartons mit Familienandenken gewühlt hatte, war er auf ein von einer Schnur zusammengehaltenes Bündel Briefe, die sie an seinen Vater geschrieben hatte, gestoßen. Ohne recht zu wissen, weshalb, hatte er an den Umschlägen gerochen und war von ihrem zarten Duft, der ihn an seine Mutter erinnerte, überwältigt gewesen: ein schwacher Duft nach Flieder und Heckenrosen.
Aber seine Mutter war unbedeutend gewesen.
Sie hatte nie etwas geleistet. Nichts bewirkt. Nichts getan. Sie war seinem Vater ein Klotz am Bein gewesen. Sein Vater
hatte seine faszinierenden Spiele, und sie behinderte ihn dabei. Er erinnerte sich daran, wie sein Vater sie einmal angebrüllt hatte: Ich arbeite, ich arbeite, und du bleibst gefälligst draußen, wenn ich arbeite! Ich muss mich konzentrieren, und das kann ich nicht, wenn du hier reinkommst und jammerst, jammerst... Die faszinierenden Spiele in Gerichtsgebäuden und Gefängnissen.
Der Werwolf war nicht homosexuell. Er fühlte sich nur zu Frauen hingezogen. Für einen Mann kam nur diese Sache - die Sache mit Frauen - in Frage. Er begehrte sie, um ihren Tod zu sehen und zu spüren, wie er in diesem transzendenten Augenblick explodierte.
In Augenblicken der Einsicht hatte der Werwolf seine Psyche analysiert und den Ursprung seiner Geisteskrankheit zu ergründen versucht. Dabei war er zu dem Schluss gelangt, sie sei nicht plötzlich aufgetreten, sondern allmählich gewachsen. Er erinnerte sich an die langen, einsamen Wochen, die er mit seiner Mutter auf der Ranch verbracht hatte, während sein Vater in Dallas seine Spiele spielte. Dort hatte der Werwolf mit seinem Kleinkalibergewehr Jagd auf Erdhörnchen gemacht. Traf er eines direkt in die Hinterbeine, sodass es von seinem Bau wegrollte, versuchte es keckernd, sich nur noch mit den Vorderpfoten in sein Loch zurückzuschleppen.
Alle übrigen Erdhörnchen aus den benachbarten Höhlen standen dann auf den kleinen Hügeln, die sie beim Höhlenbau aufgeworfen hatten, und sahen zu. Nun konnte er ein zweites anschießen, das weitere Tiere herauslockte, und danach ein drittes, bis die ganze Kolonie ein halbes Dutzend waidwunder Erdhörnchen beobachtete, die sich in ihre Höhlen zurückzuschleppen versuchten.
Nachdem er sechs oder sieben Tiere mit liegendem Anschlag angeschossen hatte, stand er auf, ging zu den Höhlen
hinüber und erledigte sie mit seinem Taschenmesser. Manchmal balgte er sie noch lebend ab und schlug sie aus ihrer Haut, während sie zwischen seinen Händen strampelten. Später begann er, ihre Ohren auf eine Schnur zu fädeln, die er im Dachgebälk des Geräteschuppens versteckte. In einem einzigen Sommer hatte er über dreihundert Ohrenpaare aufgefädelt.
Den ersten Orgasmus seines jungen Lebens hatte er, als er am Rande einer Wiese im Heu lag und auf Erdhörnchen schoss. Der lange, krampfartige Erguss war wie der Tod selbst. Danach zog er den Reißverschluss seiner Jeans auf, um die Samenflecken auf seiner Unterhose zu betrachten, und sagte laut: »Junge, das hat's gebracht... Junge, das hat's gebracht.« Das wiederholte er mehrmals, und seit diesem Tag packte ihn die Leidenschaft öfter, wenn er auf der Jagd unterwegs war.
Nehmen wir einmal an, dachte er, alles wäre anders gelaufen. Nehmen wir einmal an, ich hätte Spielgefährten gehabt, auch mit Mädchen gespielt, und wir hätten eines Tages in der Scheune Doktor gespielt. Zeig mir deine, dann zeig ich dir meinen... Hätte das etwas entscheidend beeinflusst? Er wusste es nicht. Als er dann vierzehn war, war es zu spät. Seine Psyche war unheilbar geschädigt.
Etwa eine Meile von ihm entfernt wohnte ein Mädchen, das fünf oder sechs Jahre älter war als er. Die Tochter eines echten Ranchers. Als sie eines Tages auf einem Heuwagen hinter dem von ihrer Mutter gelenkten Traktor an ihm vorbeifuhr, trug sie ein schmuddeliges, schweißnasses T-Shirt, unter dem sich ihre steifen Brustwarzen abzeichneten. Der Werwolf war damals vierzehn; er spürte leidenschaftliche Erregung und sagte laut: »Ich würde sie lieben und umbringen.«
Er war verrückt.
Während seines Jurastudiums las er von Männern, die ihm glichen, und stellte fasziniert fest, dass er Teil einer Gemeinschaft war. Er hielt sie für eine Gemeinschaft von Männern, die verstanden, welche Ekstase dieser Augenblick des Ergusses und des Todes auslösen konnte.
Aber es ging ihm nicht nur ums Töten. Nicht mehr. Inzwischen hatte sich ein intellektueller Reiz dazugesellt.
Der Werwolf hatte stets eine Vorliebe für Spiele gehabt. Für die Spiele, die sein Vater spielte, für die Spiele, die er allein in seinem Zimmer spielte. Phantasiespiele, Rollenspiele. Er war ein guter Schachspieler. Das Highschool-Turnier gewann er drei Jahre hintereinander, obwohl er außerhalb der Turniere nur selten mit jemandem Schach spielte.
Aber es gab bessere Spiele. Zum Beispiel die, die sein Vater spielte. Aber selbst sein Vater war nur ein Ersatz für den wahren Spieler, der als zweiter Mann am Tisch saß: der Angeklagte. Die wahren Spieler waren die Cops und die Angeklagten. Der Werwolf wusste, dass er niemals ein Cop hätte sein können. Aber er konnte trotzdem mitspielen.
Und jetzt, in seinem siebenundzwanzigsten Jahr, erfüllte sich seine Bestimmung. Er spielte mit und ermordete, und das Glück, das er dabei empfand, brachte seinen ganzen Körper zum Klingen.
Das höchste Spiel. Der höchste Einsatz.
Er wettete um sein Leben, dass sie ihn nicht schnappen würden. Und er gewann die Leben von Frauen - wie Pokerchips. Männer spielten stets um Frauen: das war seine Theorie. Bei den allerbesten Spielen wurde um Frauen gespielt.
Cops hatten natürlich kein Interesse an Spielen. Cops waren notorisch phantasielos.
Um ihnen zu helfen, den Sinn des Spiels zu erfassen, hinterließ er an jedem Tatort eine der von ihm aufgestellten Regeln. Sorgfältig aus einer Tageszeitung aus Minneapolis aus
geschnittene Wörter ergaben einen kurzen Satz, den er auf ein Blatt Notizpapier klebte. Beim ersten Großstadtmord lautete die Botschaft: Niemals jemanden ermorden, den du kennst.
Das würde ihnen schweres Kopfzerbrechen bereiten. Er legte den Zettel auf die Brust seines Opfers, damit außer Zweifel stand, wer ihn hinterlassen hatte. Aus einem fast scherzhaften nachträglichen Einfall heraus unterzeichnete er die Botschaft mit Der Werwolf.
Auf dem zweiten Zettel stand: Niemals ein Tatmotiv haben.
Nun mussten sie wissen, dass sie's mit einem zielbewussten Mann zu tun hatten.
Obwohl die Cops bestimmt Blut und Wasser schwitzten, gelang es ihnen, die Story aus den Medien herauszuhalten. Aber der Werwolf sehnte sich nach Presseruhm. Sehnte sich danach, beobachten zu können, wie seine Anwaltskollegen den Gang der Ermittlungen in der Tagespresse verfolgten. Und zu wissen, dass sie mit ihm über ihn redeten, ohne zu ahnen, dass er der Täter war.
Der Gedanke daran war erregend. Mit diesem dritten Mord würde er's schaffen. Die Cops konnten die Story nicht für immer geheim halten. Polizeipräsidien hatten normalerweise so viele undichte Stellen wie ein Sieb. Er war überrascht, dass die Geheimhaltung so lange geklappt hatte.
Bei seinem dritten Opfer würde die Nachricht lauten: Niemals nach erkennbarem Schema handeln. Er hatte sie auf einem Tischwebstuhl zurückgelassen.
Selbstverständlich lag in dieser Handlungsweise ein Widerspruch. Als Intellektueller hatte der Werwolf viel darüber nachgedacht. Er war geradezu fanatisch sorgfältig bemüht, keine Spuren zu hinterlassen - und trotzdem hinterließ er absichtlich welche. Aus seiner Wortwahl konnten die Polizei
und ihre Psychiater bestimmte Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit ziehen. Aus der Tatsache, dass er überhaupt Regeln aufstellte. Aus seinem Spieltrieb.
Aber das ließ sich nicht ändern.
Wäre es nur ums Morden gegangen, hätte er sich zugetraut, selbst als Massenmörder nicht geschnappt zu werden. Dallas hatte ihm gezeigt, wie leicht das war. Er konnte Dutzende ermorden. Hunderte. Nach Los Angeles fliegen, in einem Kaufhaus ein Messer kaufen, eine Nutte erstechen und am selben Abend heimfliegen. Jede Woche in einer anderen Stadt. Sie würden ihn niemals fassen. Sie würden nicht einmal wissen, dass ein Serientäter am Werk war.
Diese Vorstellung war reizvoll, aber letztlich intellektuell steril. Er wollte sich weiterentwickeln. Er wollte den Wettstreit. Er brauchte ihn.
Der Werwolf schüttelte im Dunkeln den Kopf und sah aus dem hohen Fenster. Auf der regennassen Straße zogen Autos Wasserfontänen hinter sich her. Von der I-94, die zwei Blocks weiter nördlich verlief, kam Verkehrslärm als dumpfes Brausen herüber. Keine Fußgänger. Niemand, der mit Einkaufstüten beladen war.
Er wartete, ging vor den Fenstern auf und ab und behielt die Straße im Auge. Acht Minuten, zehn Minuten. Die Intensität, das Pulsieren, der Druck nahmen zu.