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"Acht graue Vögel sitzen im Dunkeln.
Kalter Wind weht, er ist nicht freundlich."
Der kleine gelbe Schulbus rollte über die Kuppe eines steilen Hügels, und einen Augenblick lang sah sie nur einen riesigen Teppich aus hellem Weizen, tausend Meilen breit, der unter dem grauen Himmel wogte. Dann tauchten sie wieder darin ein, und der Horizont verschwand.
"Sie sitzen auf Drähten, schlagen mit den Flügeln und segeln davon in weiße Wolkenberge."
Sie machte eine Pause und sah die Mädchen an, die beifällig nickten. Sie merkte, daß sie den dichten Weizenteppich angestarrt und ihr Publikum ignoriert hatte.
"Bist du nervös?" fragte Shannon.
"Das darfst du nicht fragen", warnte Beverly. "Bringt Unglück." Nein, erklärte Melanie ihnen, sie sei nicht nervös.
Sie sah wieder aus dem Fenster und beobachtete die draußen vorbeiziehenden Felder.
Drei der Mädchen dösten, aber die anderen fünf waren hellwach und warteten darauf, daß Melanie fortfuhr. Sie begann wieder, wurde aber unterbrochen, bevor sie die nächste Zeile rezitiert hatte.
"Warte, was für Vögel sind das eigentlich?" Kielle runzelte die Stirn.
"Nicht unterbrechen." Das kam von der siebzehnjährigen Susan.
"Leute, die andere unterbrechen, sind Philister." "Bin ich nicht!" wehrte Kielle ab. "Was ist das?" "Kraß ist es, du Dummkopf", erklärte Susan ihr. "Was ist kraß?" wollte Kielle wissen.
"Laß sie weitermachen!"
Melanie fuhr fort:
"Acht kleine Vögel, hoch am Himmel,
Fliegen die ganze Nacht, bis sie die Sonne finden."
"Auszeit!" Susan lachte. "Gestern waren es fünf Vögel."
"Jetzt unterbrichst du sie", stellte der magere Wildfang Shannon fest. "Philadelphier!"
"Philister", verbesserte Susan sie.
Die pummelige Jocylyn nickte nachdrücklich, als hätte sie den Ausrutscher ebenfalls bemerkt, wäre aber zu schüchtern gewesen, um darauf hinzuweisen. Jocylyn war zu schüchtern, um überhaupt viel zu tun.
"Aber ihr seid acht, darum habe ich die Zahl geändert." "Darfst du das einfach?" wollte Beverly wissen. Mit vierzehn war sie die zweitälteste Schülerin.
"Es ist mein Gedicht", antwortete Melanie. "Ich kann so viele Vögel erfinden, wie ich will."
"Wie viele Leute sind dort? Im Theater?"
"Hunderttausend." Melanie wirkte völlig ernsthaft.
"Nein! Wirklich?" fragte die achtjährige Shannon ganz begeistert, während die nicht so leicht zu beeindruckende gleichaltrige Kielle die Augen verdrehte.
Das eintönige Landschaftsbild des südlichen Mittelkansas zog Melanies Blick erneut an. Die blauen Harvestore-Fertigsilos waren die einzigen Farbtupfer. Es war Juli, aber der Tag war kühl und wolkenverhangen; Regen drohte. Sie kamen an gigantischen Mähdreschern und Bussen voller Wanderarbeiter vorbei, die ihre Porta-Potti-Toilettenhäuschen auf Anhängern mitführten. Sie sahen Grundbesitzer und Landpächter, die ihre riesigen Traktoren steuerten. Melanie bildete sich ein, sie nervös zum Himmel aufblicken zu sehen; es war Erntezeit für den Winterweizen, und wenn es jetzt einen Sturmgäbe, könnte das acht Monate Arbeit zunichte machen.
Die junge Frau wandte sich vom Fenster ab und betrachtete leicht verlegen ihre Fingernägel, die sie jeden Abend gewissenhaft pflegte und feilte. Mit ihrem unauffälligen Nagellack sahen sie wie makellose Perlmuttmuscheln aus. Sie hob die Hände und rezitierte nochmals mehrere Gedichte, wobei ihre Finger elegant die Worte bildeten. Jetzt waren die Mädchen alle wach-vier sahen aus dem Fenster, drei beobachteten Melanies Finger, und die pummelige Jocylyn Weiderman ließ ihre Lehrerin nicht aus den Augen.
Diese Felder gehen endlos weiter, dachte Melanie. Susans Blick folgte Melanies. "Das sind Rabenvögel", sagte der Teenager mit den Fingern. "Krähen."
Ja, das waren sie. Nicht fünf oder zehn, sondern tausend, ein ganzer Schwarm. Die Krähen beobachteten die Felder, den gelben Bus und den wolkenverhangenen Himmel, grau und purpurrot.
Melanie sah auf die Uhr. Sie waren noch nicht einmal auf dem Highway. Topeka würden sie in frühestens drei Stunden erreichen.
Der Schulbus fuhr in den nächsten Cañon aus Weizen hinunter.
Melanie spürte, daß irgend etwas nicht stimmte, bevor sie auch nur einen einzigen Hinweis bewußt wahrnahm. Später würde sie zu dem Schluß gelangen, der Auslöser dafür sei keine übersinnliche Botschaft oder Vorahnung, sondern allein die Tatsache gewesen, daß Mrs. Harstrawns kräftige, rote Finger das Lenkrad nervös umklammerten.
Hände, in Bewegung.
Dann verengten sich die Augen der Älteren. Sie bewegte ihre Schultern. Ihre Kopfhaltung veränderte sich kaum wahrnehmbar. Die kleinen Dinge, durch die der Körper verrät, was das Gehirn denkt.
"Schlafen die Mädchen?" Die Frage war knapp, und die Finger kehrten sofort ans Lenkrad zurück. Melanie hastete nach vorn und signalisierte, daß sie nicht schliefen.
Die Zwillingsschwestern Anna und Suzie, zart wie Federn, setzten sich nun auf und beugten sich nach vorn, so daß ihr Atem die breiten Schultern der älteren Lehrerin traf. Mrs. Harstrawn scheuchte sie zurück. "Nein, nicht rausschauen! Setzt euch hin und seht aus dem anderen Fenster. Los, sofort! Aus dem linken Fenster."
Dann sah Melanie den Wagen. Und das Blut. Gräßlich viel Blut. Sie sorgte dafür, daß die Mädchen auf ihre Plätze zurückkehrten.
"Nicht hinsehen", wies Melanie sie an. Ihr Herz raste wie wild, ihre Arme wogen plötzlich tausend Pfund. "Und schnallt euch an." Sie hatte Mühe, die Worte zu bilden.
Jocylyn, Beverly und die zehnjährige Emily befolgten ihre Anweisung sofort. Shannon schnitt eine Grimasse und riskierte mehrere Blicke, Kielle ignorierte Melanie einfach. Susan dürfe hinsehen, stellte sie fest. Warum nicht auch sie? (...)
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