Dieses verschriftlichte Schulungsprogramm ist bezüglich Methodenvielfalt sicher gut gelungen. Es werden viele verschiede Techniken vorgestellt, innerhalb dieser Pallette findet sicher jeder Interessierte seine ganz persönlichen Vorlieben.
Der Titel ist ziemlich irreführend. Eigentlich handelt es sich um eine Einführung in die Chaosmagie, was wenig verwundert, da Ralph Tegtmeier (Pseudonym Frater V:D:) selbst lange Zeit Mitglied einer Gruppe war, die rein chaosmagisch orientiert ist. Die Chaosmagie hat sicher ihre Vorteile durch die Methodenvielfalt, derer sie sich bedient, die Nachteile werden aber gerne verschwiegen und innerhalb der gängigen magischen Literatur werden sie zur Gänze unter den Teppich gekehrt. Wie in den vorliegenden Werken wird beispielsweise mit römischen, griechischen oder ägyptischen Göttern gearbeitet. Mal greift man auf die Kabbalah zurück, im nächsten Moment bedient man sich der Sigillenmagie und dann fügt man noch eine Prise Astrologie dazu. Man bedient sich also aus verschiedenen Töpfen. Dabei muss aber auch offen gesagt werden, dass sich durch das ständige Springen zwischen den Systemen, eine Oberflächlichkeit einschleicht, die es gänzlich verhindert in die Tiefe eines Systems einzutauchen, was langfristig sicher ein Nachteil ist, der jede Chance auf tiefere Erkenntnis und Entwicklung im Keim erstickt.
Am Beginn von Band 1 wird auf die Hermetische Philosophie verwiesen. Der Text der Tabula Smaragdina findet sich hier abgedruckt. Auch dies scheint mir aber eher irreführend, da sich die Bezüge zur Hermetischen Philosophie nur über 5 Ecken und mit viel Phantasie rekonstruieren lassen. Natürlich haben sich die Alchemie und die westliche Magie aus dieser entwickelt, die Chaosmagie folgt dieser Tradition aber so gut wie gar nicht mehr, da hier ja bewusst versucht wird, mit den alten Anschauungen zu brechen. Von den Hermetischen Gesetzmäßigkeiten der Polarität, der Resonanz, usw. wird in dem Buch kein Wort erwähnt. Ich kann somit nur schlussfolgern, dass die Tabula Smaragdina hier abgebildet wurde, um die Lehren des Buches möglichst altehrwürdig erscheinen zu lassen... also reine Marketingstrategie, sonst nichts!
Band 2 widmet sich weniger bekannten magischen Techniken. Die Arbeit mit Atavismen wird ebenso behandelt, wie die Kampfmagie. Über gewisse moralische Vorstellungen, die der Autor in Verbindung mit gewissen Techniken von sich gibt, kann man geteilter Meinung sein. Jeder mache sich hier sein eigenes Bild! Allerdings ist auch dieser Folgeband geprägt durch chaosmagische Praxis, so wird beispielsweise eine Brücke zum Yoga geschlagen oder die Kabbalah näher erörtert. Weiters finden sich in dem Buch grundlegende Erklärungen zu den modernen Geheimbünde/Logen/Orden unserer Zeit. Die Freimaurer, die Rosenkreuzer und die Fraternitas Saturni stehen hier im Zentrum der Betrachtung. Das ist für Interessierte zwar sicher informativ, für die persönliche magische Praxis sind die endlos langen Erläuterungen aber wertlos, sie wirken innerhalb eines Buches, dass sich die magische Schulung des Individuums zum Ziel gesetzt hat, eher deplatziert. Es wäre wohl passender gewesen, die Ausführungen über die Orden in einem eigenen Buch zu veröffentlichen und sie nicht zwischen unterschiedliche magische Übungen hinein zu pressen.
Fazit: Besonders Band 1 ist für AnfängerInnen sicher geeignet. Auch alte Hasen finden in beiden Büchern die eine oder andere neue Anregung. Man sollte aber nicht alles für bare Münze nehmen, was Herr Tegtmeier hier von sich gibt. Sein Schreibstil suggeriert den LeserInnen gerne, er hätte die letztgültige Weisheit entdeckt und möchte diese in dem Buch nun vermitteln. Daran darf ruhigen Gewissens gezweifelt werden!