David Graeber erzählt die Geschichte der Schulden wie einen Krimi. Er zeigt an unzähligen Beispielen quer durch die Jahrtausende und Kontinente, wie Menschen zusammenlebten, indem sie sich auf die unterschiedlichsten Arten einander verpflichteten. Die Erzählung hat zwei ineinander verwobene Stränge: Schulden und Geld, die ich hier stark vereinfacht und nicht historisch, sondern dem Sinn nach, jeweils zusammenfassen möchte.
Schulden sind älter als Geld. Sie entstehen, wenn einander nicht vollkommen vertraute Menschen in wirtschaftlichen Austausch treten und beginnen, über ihre gegenseitigen Verpflichtungen Aufzeichnungen (Kerbholz) zu führen. Über diese Art von Schulden wird das Zusammenleben in frühen arbeitsteiligen Gesellschaften organisiert. Diese, das Leben der Menschen verbessernde Funktion schlug ins krasse Gegenteil um, wenn - verstärkt durch hohe Zinsen - Schuldner ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten. In der Antike ging das dann bis hin zur Schuldsklaverei, in die sie ihre Kinder, Frauen und schließlich auch sich selbst begeben mussten, bis sie Schuld und Zins entweder getilgt hatten oder ein einsichtsvoller Herrscher einen Schuldenerlass verkündete. Auch die Zinsen selbst waren aus gutem Grund entstanden, weil Gläubiger so Geld an Fernhändler verleihen konnten, ohne (wie beim Teilen des Gewinns) sich in Abhängigkeit von deren (Lügen)geschichten begeben zu müssen. Problematisch werden sie vor allem, wenn sie von Menschen verlangt werden, die Schulden nicht zum Erzielen von Gewinnen, sondern zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts aufnehmen, oft auch zum nackten Überleben aufnehmen müssen. Die persönliche Verschuldung beschreibt Graeber als eine der stärksten Triebkräfte in der Geschichte, auf deren Konto auch unzählige Grausamkeiten gehen. So waren die Spanier und Portugiesen, die Inka- und Mayareiche in ihrer Gier nach Gold brutal zerstörten, die Menschen dort töteten oder versklavten, nicht von vornherein amoralisch, sondern selbst über die Ohren verschuldet.
Frühformen von Geld waren in primitiven Gesellschaften kein Mittel für den alltäglichen Austausch (diese Annahme der klassischen Ökonomie entlarvt Graeber als Mythos), sondern dienten der Stiftung und Festigung menschlicher Zusammenhänge (Graeber nennt diese Gesellschaften deshalb humane Ökonomien), wie beispielsweise die Zahlung eines Brautpreises. Münzgeld wurde erstmals von antiken Staaten geprägt, um Soldaten und Rüstung über Steuern bezahlen zu können. Die Herrscher zahlten den Sold in Gold-, Silber oder Kupfermünzen und verpflichteten ihre Untertanen, in eben diesen Münzen Steuern zu entrichten. Dadurch brauchten die Untertanen das Geld. Um es zu erlangen, mussten sie den Soldaten die zum Leben notwendigen Güter verkaufen. Auf die gleiche Weise kam um 1700 in Europa das erste moderne Papiergeld im Zusammenhang mit Kriegsfinanzierung in Umlauf.
Bis ganz kurz vor Schluss las ich das Buch voller Faszination über immer wieder neue und unerwartete Entdeckungen in einer Historie, deren Grundzüge ich zu kennen glaubte. Graebers Schluss ist jedoch ausgesprochen schwach. In den letzten Seiten lobt er die nichtfleißigen Armen, denen die Welt ein Auskommen bieten müsste, da sie niemandem etwas zu Leide täten (wer die "Diktatur des Proletariats" erlebt hat, kann da anderer Meinung sein) und die amerikanischen Eliten dafür, dass sie ihren einheimischen Armen durch wechselkursbedingt besonders günstige Importe aus China das Leben erleichtern. Er favorisiert Schuldenerlasse - als ob Gläubiger immer noch die Reichen der alten Zeiten wären und nicht heute auch ganz normale arbeitende Menschen zur Aufbau ihrer Altersversorgung in Pensionskassen einzahlten, die dann in Staatsanleihen investieren. Allerdings hat dieser schwache Schluss ebenso wie Graebers Unterstützung der Occupy-Bewegung eine faszinierende biografische Wurzel. Graeber ist - wie ich gestern auf der Vorstellung der deutschen Übersetzung des Buches im Münchner Literaturhaus erfuhr - ein in der Wolle gefärbter Anarchist. Bereits sein Vater war ein anarchistischer Aktivist und sogar Patenkind von Leo Trotzki - immerhin Lenins designiertem, von Stalin entmachteten Nachfolger. In Hinblick darauf sollte der Leser mit den Merkwürdigkeiten des Schlusses Nachsicht haben.