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Ferdinand von Schirach ist seit 16 Jahren als Anwalt und Strafverteidiger tätig. Laut Klappentext seines Erzählbands
Schuld gehören „Industrielle, Prominente, Angehörige der Unterwelt und ganz normale Menschen“ zu seiner Klientel. Solche Sätze sollen den Autor interessanter machen. Ferdinand von Schirach hat das aber gar nicht nötig. Alle Geschichten aus
Schuld sind gut bis blendend geschrieben. Und spannend sind sie allesamt sowieso.
Das liegt nicht daran, dass Ferdinand von Schirach den Mainstream mit literarischen Kniffen in Büchern bedient, die schon zur Genüge in den Regalen der Buchhandlungen auf Kundschaft warten. Das liegt im Gegenteil vor allem daran, dass es dem Autor gelingt, vor dem Hintergrund seines Wissens über die Niederungen der menschlichen Seele ganz anders zu schreiben als die andern. Ferdinand von Schirach schreibt schnörkellos und unaufgeregt, ganz auf die Wucht des Faktischen vertrauend: über geschundene Frauen, die eher durch Unfall zu Mörderinnen werden (oder es, wie sich erst am Ende der Geschichte herausstellt, gar nicht gewesen sind). Über einsame Menschen, die aus Einsamkeit Verbrecher werden. Oder über die teils kuriosen Wege, die kriminelle Handlungen beizeiten nehmen. Erst spät gibt sich der Autor dabei im Alter Ego des Ich-Erzählers – eines Anwalts – zu erkennen. Auch dieser Kunstgriff ist brillant gemacht.
Apropos brillant: Eine Geschichte gibt es, die aus der Vielzahl guter Stories noch herausragt: Der Schlüssel über einen Drogendeal, der einen absurden – und dabei absolut glaubwürdigen – Drive bekommt, der an die Filme Quentin Tarantinos erinnert. Überaus lesenswert. -- Thomas Köster
Pressestimmen
"Er ist ein großartiger Erzähler, weil er sich auf die Menschen verlässt, auf deren Schicksale." (Der Spiegel)
"Wer von Schirach über Tat und Täter debattieren hört, der bemerkt, wie umfassend der Mann über die menschlichen Abgründe nachgedacht hat." (Die Welt)
"Ein erfolgreicher Berliner Strafverteidiger erweist sich als bestürzend scharfsichtiger Erzähler." (Literarische Welt)
"Beim Lesen dieser Geschichten hatte man Glückserlebnisse wie sonst nur bei der Lektüre von Fitzgerald oder Capote, da sitzt jedes Wort, da ist alles an seinem Platz, Poesie durch Klarheit, im Leserkopf entsteht ein soghafter - man kann es nicht anders sagen - Film; die Figuren und ihre Geschichten in einer zwar warmherzigen Menschenkenntnis entwickelt, zugleich jedoch weht durch die Zeilen ein kühlklares Lüftchen der Vergeblichkeit, der Unausweichlichkeit menschengemachter Katastrophen."
Benjamin von Stuckrad-Barre in der Welt am Sonntag v. 06.06.2010"Der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach setzt seine im vergangenen Herbst mit „Verbrechen“ fulminant begonnene literarische Karriere mit „Schuld“ nahtlos fort. Seine knappen, auf den Punkt erzählten Stories beziehen ihre Wucht aus der Berufserfahrung des Autors, ihre Intensität hingegen aus seinem schnörkellosen Stil - und der Erkenntnis, dass das Gesetz niemandem die moralische Verantwortung abnimmt, bisweilen am wenigsten dem, der es vertritt."
Felicitas von Lovenberg in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung v. 24.07.2010"Die Tatsache, dass er es versteht, einen schon nach wenigen Sätzen für oder gegen Figuren einzunehmen, nur um diesen Eindruck in einem weiteren Schritt wieder zu untergraben, beweist nicht seine „Nähe zur Realität“, sondern seine Erzählkunst … Die Gründe für große literarische Erfolge sind so schwer zu benennen wie die für große Verbrechen. Die Dinge sind, wie sie sind. „Schuld“ ist ein großes Buch."
Georg Oswald in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung v. 25.07.2010"In Verbrechen glaubte man noch diverse Handlungsoptionen der Protagonisten zu erblicken. In Schuld nicht mehr. Schuld ist radikaler, die Geschichten sind schlanker, sie sind überwältigend kalte Versuchsanordnungen. … Man muss kein Verbrechen begangen haben, um schuldig zu sein. Man kann ein Verbrechen begehen und dabei schuldlos handeln. Der Rechtsbegriff von Schuld deckt sich nicht mit unserem moralischen Empfinden. Diese Paradoxie grundiert beinahe jede dieser Geschichten, die übrigens, womöglich auch deshalb, ziemlich komisch sind, nah am Sarkasmus, bisweilen am Slapstickhumor entfalten sie ihre Wucht."
Adam Soboczynski in der ZEIT v. 29.07.2010"Es sind kleine Meisterwerke darunter von enormer sprachlicher Präzision und Darstellungskraft. [...] Das wichtigste stilistische Vorbild von Schirachs ist jedoch nicht Kleist, sondern Hemingway. Wie der amerikanische Großmeister der Short-Story liebt von Schirach die klaren, schnörkellosen und scheinbar nüchternen Hauptsätze. Er reiht sie hintereinander wie Blöcke, wuchtig und faktenschwer. Sie lesen sich, als würde man den Schritten eines Unheils lauschen, das unaufhaltsam vorwärts drängt. Daneben aber hat er einen fabelhaften Sinn für Details, die er wie im Vorbeigehen nur knapp benennt. Sie verleihen seinen Geschichten eine großartige atmosphärische Dichte. Alles in allem wirkt das oft so, als würden sich seine Stories wie von selbst erzählen, als seien sie nicht mehr als knappe Zusammenfassungen irgendwelcher Gerichtsakten. Doch steht dahinter eine bewundernswerte kompositorische Sicherheit und sprachliche Disziplin dieses Autors. [...] Neben Judith Hermann und Ingo Schulze hat er einige der eindrucksvollsten deutschen Kurzgeschichten der letzten Jahre geschrieben."
Uwe Wittstock in der WELT v. 31.07.2010