Dieser ganz ungewöhnliche Thriller begeistert, weil er so nah an zwei Lebenswirklichkeiten entlang ein Charaktergemälde entsteht. Der zunächst völlig von den Gegebenheiten eines „Falles" überraschte Protagonist verfolgt ahnungslos eine Spur, die ihn - ohne es zu wissen - seiner eigenen Geschichte näher bringt. Doch das merkt man selbst auch erst, als sich die Ereignisse immer abstruser verdichten.
So entsteht zwischen Mandant und Detektiv ganz unprofessionell und ungewöhnlich eine ohne Anzüglichkeiten enge und Männerfreundschaft. Die Autorin spielt mit den Ahnungen und Vorurteilen, mit den Phantasien und Rückschlüssen der Leserschaft und so bleibt das Buch bis in die letzten Abschitte spannend, wenn sich die Dinge schließlich völlig anders entwickeln, als man es sich gedacht hatte. Auch wenn die Handlung und vor allem das Ende schon etwas hergeholt und konstruiert erscheint, so bleibt doch das gesamte Buch über eine klar zu verfolgender Handlungsstrang erkennbar.
Karin Altvegen schafft es locker und spielend, sich ihrer Geschichte anzuhaften, sich nicht ablenken zu lassen und ausreichend neugierig zu sein, um bis zum Ende weiterzulesen. Wer das Buch vor dem Erfolgstitel „Die Flüchtige" der schwedischen Autorin liest, wird auf jeden Fall schon begeistert sein. Dieses Gefühl lässt sich durch das zweite Buch noch wesentlich steigern. Dennoch ist „Schuld" ein Erstlingswerk erster Güte.
© 11/2003, Uli Geißler, Freier Journalist, Fürth/Bay.