Hörte die letzten Lieder dieser CD mit Christoph Pregardien ganz zufällig während einer Autofahrt, als ein Rundfunksender sie ausstrahlte. Ich war sprachlos, als ich merkte, dies war gar nicht d i e "Winterreise", wie ich sie bisher kannte und oft selbst auch schon am Klavier begleitet hatte, das war etwas völlig Neues, etwas ganz Geniales! Eine fantastische, fesselnde Musik mit völlig neuen, unbekannten Klang- und Erlebenswelten!
Zufällig kam ich in den nächsten Minuten nach Abschluss der Sendung an einem CD-Geschäft vorbei, hatte aber nicht viel Hoffnung, dass eine derartige Rarität auf Lager sei. Doch ich hatte mich geirrt! Ich kaufte die CD sofort und hörte sie noch am selben Abend an.. Wahrhaft keine leichte Kost. Aber wert und würdig, konzentriert und ergriffen zuzuhören, sich in die einzelnen Liedinhalte und Klanglandschaften(!)hineinzuversetzen und mit ihnen auseinanderzusetzen (und zwar weit mehr, als man gemeinhin bei üblichem Routinehören tut).
Ich staunte, denn die vollkommen neue Winterreisenwelt Zenders lässt einen nicht los. Sie schlägt vollkommen in Bann. Und dabei ist vom ersten bis zum letzten Ton, dem feinsten Klang, dem scheinbar nebensächlichsten "Geräusch" keine fremde Note, kein neuer musikalisch-interpretatorischer Gedanke überflüssig!
Ein grandioses, Schubert ebenbürtiges Werk Hans Zenders, das er bescheiden eine "komponierte Interpretation" der "Winterreise" nannte (als Komponist muss man erst mal auf eine solche, fast verwegen erscheinende Idee kommen!). Zender hat sie aber mit den kompositorischen und instrumentalen Mitteln unserer Zeit in derart kongenialer Weise umgesetzt, dass wir - meine Mutter (eine Lied- und Oratoriensängerin) wie auch ich (ebenfalls Sängerin und auch Pianistin) - diese "Winterreise" eher als eine vollkommene Neuschöpfung bewundern. Als ein Werk, das mit Sicherheit Franz Schuberts Begeisterung, Hochachtung und Zustimmung gefunden hätte, wäre er der alte Kompositionslehrer und Zender sein Meisterschüler (wahrscheinlich auch sein Lieblingsschüler) gewesen.
Nun zu den Ausführenden, welche nicht besser hätten ausgewählt sein können: An erster Stelle sei Christoph Pregardien genannt, dessen inneres Engagement und höchste sängerische Kunst mit seiner einmalig schönen, unglaublich wandlungs- und aussagefähigen Stimme, die er so hinreißend und differenziert einzusetzen weiß, als bediene er sich mit ihr eines erlesenen Instrumentes, fast schon süchtig machen könnte nach "Mehr". Die Zendersche Winterreise ist dem Sänger auf den Leib geschrieben! Sie hinterlässt einen tiefen, bleibenden Eindruck.
Gleiches gilt für die Musiker des "Klangforums Wien" und ihren hervorragenden, sehr inspirierenden Dirigenten Sylvain Cambreling, welche mehr als nur "begleiten", sondern durch engste musikalische, ihrerseits höchst kongeniale Klangpartnerschaft das Geschehen und Innere Erleben in packender Weise hör-, ja, sichtbar machen, also unverzichtbare Mit-Akteure in der Welt dieser Winterreise sind.
Die Frage, welche der Komponist in seinem der CD beiliegenden Vorwort am Ende aufwarf, ob es möglich sein werde, "die ästhetische Routine unserer Klassiker-Rezeption, welche.. (tiefes Miterleben)..fast unmöglich genacht hat, zu durchbrechen, um diese Urimpulse, diese existentielle Wucht des (schubertschen) Originals neu zu erleben?" diese Frage kann ich nur mit einem ganz klaren "Ja!" beantworten. Hans Zender ist es zu verdanken, dass Schuberts "Winterreise" in einer bis dahin noch nie dagewesenen Weise neu erlebbar und "mit-teil-bar" gemacht werden konnte - und Menschen wieder das Mitfühlen lehren kann.
Werk und CD gehören mir zum Wichtigsten und Liebsten, was ich kenne. Ein Muss für (neugierige und aufgeschlossene) Schubert-Liebhaber!