Dass ein netter junger Mann so polarisiert. Deine einen " Hosianna", die anderen " Kreuziget ihn".
Stadtfeld war 27. Schubert war in einem ähnlichen Alter, als er die Sonaten schrieb. Wäre als Martin Stadtfeld nicht der ideale Interpret dieser Werke. Im fast gleichen Alter wie der Komponist.
Die Herausforderung bei Interpretation der Werke dieses Komponisten die Tiefendimension. An der Oberfläche scheint es nett zu sein ( dritter und vierter Satz der B-Dur Sonate), aber darunter ? Schubert ist auch- die Betonung liegt auf " auch"- sehr tiefgründig.
Er war im Alter von Martin Stadtfeld, aber ich tue dem Interpreten kein Unrecht,wenn ich die Behauptung aufstelle, der Künstler hatte in dieser Zeit bereits einige grössere Tiefe.
Vergleiche ich seine Interpretation mit derjenigen von Leon Fleisher, der mit 75 die Sonate eingespielt hat, nach 35 Jahren Krankheit, davon genesen, wieder mit zwei Händen spielen können, nach 35 Jahren. Eine solcher Mensch kann aufgrund seiner Lebenserfahrung viel tiefer in die Musik eindringen, als ein junger Könner, dem aufgrund seiner Leistungen die Klassikwelt ganz offen steht ( ein Umstand , der sehr zu schätzen ist, weil es auch andere Könner gibt, denen alle Türen verschlossen sind). Stadtfeld spielt die Sonate äusserlicher als Fleisher. Das Verstörende fehlt mir. Bei Fleisher vielleicht deswegen so gut zu hören, weil er Jahrzehnte nur mit der linken Hand gespielt hat, die eine ganz andere Bedeutung in der Interpretation bekommt, und uns Dimensionen des Schaffen von Schubert offenbart, die Stadtfeld ( noch) verschlossen sind.
Noch mehr Einwände habe ich gegen seine Interpretation der G-Dur-Sonate.
Das klingt ( noch) zu grob und die Gefahr besteht, das man das Werk für banal halten könnte. Ich denke zum Beispiel an vierten Satz der G-Dur-Sonate. Wenn ich dagegen die wunderbare Interpretation von Radu Lupu ( Jg.1945) höre, den viel feineren Klavierton, die scheinbare Leutseligkeit ( so sehr gut getroffen im Film von Lehner, mit meinen heissen Tränen), erschliesst sich mir der Gehalt dieser Sonate. Bei Stadtfeld ist dies nicht der Fall.
Ihn mit einer Rezension, ein Stern, quasi "abzuwatschen", finde ich unangemessen. Er ist ein Könner und ein Künstler. Das ist in jedem Fall zu achten.
Mit Schubert hätte er sich mehr Zeit lassen sollen.
Aber es ist nicht aller Tage Abend. Andere werden hören, wie er in Jahrzehnten diese Werke spielt.