Nur 4 Sterne? Ja, denn in dieser Sammlung befinden sich 5 Lieder, die ausdrücklich für eine Baßstimme komponiert sind: Der Schiffer, Auf der Donau, Wie Ulfru fischt, Fahrt zum Hades und Der Sieg. Man muß wissen, daß die überwältigende Mehrheit der Schubert-Lieder für Tenor, bzw. Sopran komponiert und in Sopranschlüssel notiert sind. Ganz wenige, darunter diese 5, sind in Baßschlüssel notiert und die 3 ersten wurden sogar zusammen als Op.21 mit dem Titel "Drei Lieder für eine Baßstimme" herausgegeben.
Nicht nur muß Prégardien sie nach oben transponieren, sondern die ausdrücklich von Schubert gewünschte dunkle Farbe bringt er nicht mit. Man verzeiht ihm, weil es ganz besonders schöne Lieder sind und weil Baritone durch die Bank nach unten transponieren. Allerdings hätte er vielleicht statt "Der Sieg", das richtig nach einem dunklen Baß verlangt (wunderbar da: Kurt Moll), etwa "Erlafsee" wählen können, ein weiteres Glanzstück, das in dieser CD nicht vertreten ist und das man mit ihm hören möchte.
Dies ist aber wohl der einzige Einwand, den man erheben kann. Mayrhofer/Schubert war eine enge und fruchtbare Künstlerpartnerschaft auf hohem Niveau. Mayrhofer war von Schuberts Vertonungen höchst beeindruckt und hat oft mit seiner Musik im Gedanken gedichtet, während Schubert fallweise die Gedichte selber angepaßt hat. Keines der Mayrhofer-Lieder ist zu einem Ohrwurm geworden wie "Heidenröslein" oder "die Forelle" und es liegt wohl daran, daß Mayrhofer sich oft in Symbolen ausdrückt, die nicht leicht zu entziffern sind. Aber dort, wo die Sprache aufhört, geht die Musik weiter. Und das tut sie in einer beeindruckenden Art und Weise. Naturbilder, mythologische Szenen, impressionistische Bilder sind entstanden und das in einer Sprache, die die seelischen Tiefen des fin de siècle erahnen läßt, während die musikalische Ausdruckspalette von Gluck bis Wolf zu reichen scheint.
Prégardien und Staier haben sich damit gründlich auseinandergesetzt und es ist ihnen zu verdanken, daß sie nicht die x-te beliebige Evergreen-Sammlung bieten, sondern ein schwieriges aber lohnendes Programm. Dieses Künstlerduo ist auch längst eingespielt und die Interpretationen sind völlig durchdacht. Man beachte z.B. das extrem langsame Tempo von "Abschied. Nach einer Wallfahrtsarie" oder die Kunst mit welcher Prégardien die Rollen wechselt in "Antigone und Oedip". Prégardien weiß sehr genau zu dosieren, wann das Wort und wann der Ton die Oberhand hat und verfällt nie in eine schulmeisterische Textdeutung à la Fischer-Dieskau, ohne dabei die Klarheit der Aussprache zu opfern. Die vielfältigen Farben seiner Tenorstimme harmonieren sehr gut zu den Farben von Staiers Hammerflügel. Nur den sonoren dunklen Baß für die 5 oben erwähnten Lieder hat er nicht.
Aber diese CD dürfte in keiner Schubert-CD Sammlung fehlen.