Um es gleich vorweg zu sagen: Der Abzug von einem Stern beruht darauf, dass die Begleitbroschüre nur in englischer Sprache verfasst ist. Wahrscheinlich war die Produktion für den amerikanischen Markt bestimmt. Der günstige Preis und die großartigen Leistungen aller Aufführenden versöhnen jedoch sogleich. - Die kirchenmusikalische Komposition ist neben den sinfonischen Werken und der Liedkomposition sicherlich die dritte Säule im Schaffen von Franz Schubert. Dieser schrieb 6 lateinische Messen, bei denen er im Credo vom verbindlichen Messetext [Missale Romanum] abwich und die Worte "in unam Sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam" ausließ.
Schubert war keineswegs ein Kirchenfeind, stand jedoch mit Vertretern der Amtskirche in einem gestörten Verhältnis im Hinblick auf einschüchternde und verdummende Predigten teils mit drastischen Mitteln [Totenschädel auf der Kanzel usw.]. Dass die lateinischen Messen von Schubert in der kirchenmusikalischen Aufführungspraxis eher ein Schattendasein spielen, ist eine bedauerliche Konsequenz, entgehen dem Publikum doch dadurch Messvertonungen, die zu den schönsten Werken dieses Genres gehören. - Darüber hinaus schuf Schubert zwei deutsche Messen und 25 kleinere Kirchenmusiken. Für eine dieser deutschen Messen, nämlich die Deutsche Trauermesse von 1818, gab sich mit Einwilligung von Franz Schubert dessen Bruder Ferdinand als Komponist aus.
Die sechste lateinische Messe [D 950] wurde kurz vor dem Ableben des Komponisten fertig und war, wie auch die Deutsche Messe von 1827 [Gesänge zur Feier des heiligen Opfers der Messe], nicht mehr zu Lebzeiten von Franz Schubert erklungen. Der vorliegende Schuber mit 5 CD umfasst alle Messvertonungen des Komponisten [ohne das vorgeblich von Ferdinand Schubert stammende Werk] sowie ein Salve Regina [D676], Magnificat [D 486], Offertorium [D 963] und Tantum ergo [D 962]. Die musikalische Architektur dieser Werke ist von prächtiger Schönheit im Großen ebenso wie im Kleinen gezeichnet. Alle Werke sind abwechslungsreich durchkomponiert ohne irgendwelche Hänger oder Schlepper. Selbst das sonst manchmal einförmige Agnus Dei bleibt bei Schubert spannend und farbig.
Die Messen Nr. 1 bis 4 sowie das Salve Regina und Magnificat werden von den Virtuosi die Praga und dem Prager Kammerorchester unter verschiedenen Dirigenten mit wiederum verschiedenen Solistinnen und Solisten aufgeführt. Alle Leistungen können als spitzenmäßig bezeichnet werden. Lediglich der an der Messe Nr. 3 beteiligten Tenor Rodrigo Orrego hat an einer Stelle in der Höhe beim forte einige Probleme, jedoch entschädigt er dafür um so mehr mit herrlichem piano des Kopfregisters an anderen Stellen, insbesondere beim Agnus Dei. Alle singen einwandfreies Kirchenlatein.
Und wie haben Oregon Bach Festival Choir & Orchestra sowie die Solisten die Anforderungen der Messe Nr. 5 bewältigt? Die metrisch-rhythmischen Leistungen sind ebenso perfekt wie das Zusammenspiel aller Mitwirkenden. Trotz strenger Exaktheit in der Ausführung singt der Chor, dem Hauptaufgaben zukommen, mit spürbarer Engagiertheit, die schwerelose Leichtigkeit suggeriert. Vor allem das Credo hat besonders schwierige Hürden und Klippen, die meisterlich bewältigt worden sind. Eine großartige Gesamtleistung, die begeistert, auch was die Solisten anbelangt, die mit ihren schönen Stimmen in allen Lagen wesentlich zum Erfolg beigetragen haben. Vergebens sucht man nach verfälschenden Anglizismen. Astreines Kirchenlatein, wie man das in dieser Qualität bei uns eher selten erlebt. Sicherlich ist der Erfolg auch dem Dirigenten zu verdanken, stand am Pult doch Helmuth Rilling.
Unter der Leitung von Helmuth Rilling steht auch die Aufführung der Messe Nr. 6, worüber es schon angesichts der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart, deren Namen glanzvolles Können garantiert, fast überflüssig erscheint, weitere Worte zu verlieren. Dennoch: Nach der Qualität der Aufnahme scheint es um eine der gelungensten Aufführungen dieses Werkes überhaupt zu handeln, das in seiner ganzen Anlage höchste Schwierigkeitsgrade aufweist. Schubert stand zwar zwischen Klassik und Romantik, hatte hier aber auf vielfältige Stilmittel zugegriffen und auch barocke Rhetorik verarbeitet. Bei den ausgezeichnet aufgelegten Solisten macht der Tenor Scot Weir durch klare Diktion und stimmliche Schönheit in besonderer Weise auf sich aufmerksam.
Wahrhaft prachtvoll beim Gloria wie in den anderen Abschnitten ergreifend bildet die Deutsche Messe den Abschluss der Sammlung. Es singt der Tölzer Knabenchor, begleitet von einem einfühlsam, teils mit Paukenverstärkung spielenden Bläser-Orchester. Das gibt dem Ganzen einen gewissen Hauch von alpenländlicher Charakteristik, ohne ins Kitschige abzudriften, haben wir es doch hier vielmehr mit Anklängen an die beseelte Epoche der Romantik zu tun. Es ist dabei das in genialer Einfachheit liegende Anrührende, das den Menschen Schubert in der Weise zeigt, wie wir ihn schätzen und lieben gelernt haben. Diese außergewöhnliche Messvertonung ist nicht für den liturgische Gebrauch bestimmt und ist eines der erhabensten und schönsten Musikstücke überhaupt, das in einem tiefen Zerwürfnis des Komponisten wurzelt, jedoch in seiner ganzen Anlage auf die Kraft des Glaubens gerichtet ist.