Entgegen der verbreiteten Meinung hat Fischer-Dieskau NICHT alle Lieder Schuberts für Männerstimme aufgenommen. Es fehlt zB "Adelwold und Emma", Schuberts längstes Lied, aber andere, darunter nicht uninteressante wie zB. "der Gott und die Bajadere" D254 nach Goethe, "Gebet während der Schlacht " D171 nach Körner, "Uraniens Flucht" D554 nach Mayrhofer, "Frühlingslied" D919 nach Pollak, sind auch durch den Raster gefallen. Insgesamt kann man schnell etwa 40 Lieder finden, die anderswo von Männerstimmen aufgenommen wurden, und die in diese Edition keinen Eintritt gefunden haben.
Was den "Taucher" betrifft, so hat Schubert davon 2 Versionen gemacht (D77 und D111) und immer wieder Korrekturen angebracht, bis er die endgültige Form gefunden hat. Der Schaffungsprozeß dauerte von Sept. 1813 bis Anfang 1815. 1831 hat Diabelli das Werk herausgegeben. Diese Ausgabe basiert auf der ersten Version mit Hinzufügung von Elementen der zweiten. Diese Mischfassung und nicht Schuberts Original hat Fischer-Dieskau (wie übrigens Prey) aufgenommen.
Zur Edition: bei den strophischen Liedern gibt Fischer-Dieskau eine minimale Anzahl von Strophen, was Schade ist, denn ein besonderes Merkmal der melodischen Erfindung Schuberts ist die Anpassungsfähigkeit, die Fähigkeit, den Ton jeder Strophe zu finden. Glänzendes Beispiel ist "Der Fischer" nach Goethe (hier wagt DFD es nicht, das Gedicht zu kürzen), aber andere Kleinode nach Gedichten weniger bekannter Dichter zeigen es auch.
Auch bei den nicht rein strophischen Liedern, wo Schubert den strophische Aufbau mit einer Differenzierung in Melodie und Begleitung kombiniert, wird hier und da gekürzt, etwa in Wiegenlied (D 868 nach Seidl), Das Zügenglöcklein, Lebensmut, Im Walde (nach Schulze), Schiffers Scheidelied usw ... so daß Schuberts Komposition verstümmelt erscheint. Wie alle Baritone ist DFD auch dazu gezwungen, die meisten Lieder nach unten zu transponieren - und es betrifft auch die Winterreise.
Zur Interpretation: Gerald Moore, der für diese Aufnahme quasi aus dem Ruhestand geholt wurde, ist der bekannte geniale Liedbegleiter (ich wähle absichtlich diese kaum zutreffende Bezeichnung, denn er gab seinen Memoiren den Titel "Am I too loud ?"). Ab und zu spielt er doch etwas abwesend, manchmal aber - gerade in den strophischen Liedern - mit fast improvisierender Frische. Im Unterschied zu Graham Johnson fühlt er sich nicht als "spiritus rector", sondern eher als zuverlässigen Partner, was meines Erachtens zu einer besseren Balance führt. Man braucht nur "Du bist die Ruh" zu hören, um zu verstehen, wie raffiniert seine Partnerschaft sein kann.
Vielleicht ist er für DFD eben zu zuverlässig gewesen; es fehlte wohl die Herausforderung eines Publikums (wie in Salzburg) oder eines stärkeren Egos am Klavier (etwa Sviatoslav Richter). Stimmlich ist er in den besten Jahren aber interpretativ zu selbstgefällig. Dramatische Szenen (Erlkönig, der Zwerg, manche Mayrhofer-Lieder, Im Walde (nach Schlegel) ...) werden von ihm höchst eindrucksvoll dargebracht, bei den lyrischen Liedern vertraut er aber Schubert nicht genug. Der Schubert-Dichter Leitner sagte viele Jahre später, daß er beim Zuhören eines Schubert-Liedes nach einem seiner Gedichte sich in die Stimmung versetzt fühlte, in welcher er das Gedicht schrieb. Schönberg -wenn ich mich richtig erinnere- sagte, daß er sich oft an den Text eines Schubert-Liedes nicht erinnern konnte, aber er beim nachträglichen Lesen nur feststellen konnte, daß er durch Schuberts Komposition das Gedicht dennoch völlig begriffen hatte.
DFD trägt die lyrischen Lieder vor, als wären sie reine Gedichte, und vergißt dabei eines: die Stimmung. Wo ist der Hauch wehmütiger Nostalgie in "Vor meiner Wiege", wenn alle Bilder stimmlich nachgebaut werden ? Warum dieses "versäänken" in "Nachtviolen", wo die Musik die Versenkung genug unterstreicht?
Schlimmer noch in "Im Frühling", wo die Szenerie von ruhiger und froher Natur die Trauer der Abwesenheit noch schärfer erscheinen läßt. DFD säuselt mit den Lüften, hellt seine Stimme für den _klar_en Himmel, usw ... und wischt dabei die wehmütige Stimmung weg. Dies sind nur ein paar Beispiele unter vielen.
Man kann da nicht von einer Geistesverwandschaft DFDs mit Schubert sprechen. Der Interpret tut nämlich so, als hätte der Komponist nur Musik auf die Worte gelegt und betrachtet es als seine Aufgabe, uns den Sinn der Worte zu vermitteln. Dabei hat Schubert die Gedichte in Musik transmutiert und die verschiedenen Ebene der Dichtung (metrische, melodische *und semantische*) in die Musik übertragen. DFD zerstört denn oft die Schubertsche Alchemie, indem er nicht Schuberts Lieder interpretiert, sondern Gedichte vorträgt, die mit einer Musik von Schubert versehen sind. Dies wäre einem Reichardt, einem Zelter gerecht; für Schubert ist es aber ein Mißverständnis.
Nur bei den strophischen Liedern der Jahre 1815-1816, die er wohl der (vermeintlichen) Vollständigheit halber aufgenommen hat, ist er nur halb bei der Sache, und da kommt auf einmal Schubert zu Geltung. Dort gibt es manche Preziose zu entdecken. Schade nur, daß sie in Schnelldurchlauf erscheinen.
Fazit: 40 Jahre nach Ersterscheinung dieser Sammlung hat sich die Verfügbarkeit der Lieder Schuberts auf Tonträger geändert. Zwei Gesamtaufnahmen liegen vor (Hyperion und Naxos), deren CDs auch einzeln zu erhalten sind. Das Raucheisen-Kompendium (darunter 14 Schubert-CDs) mit vielen schönen Stimmen der Ära "vor DFD" (Schmitt-Walter, Hotter ...) ist auch verfügbar. Matthias Görne hat ein ambitiöses Schubert-Projekt in Angriff genommen. Bleibt die Tatsache, daß man für den Preis von 3 "full price" CDs 21 Stück bekommt, die trotz der oben formulierten Einwände ein gewaltiges Reichtum enthalten.
Die Fans von DFD haben wohl bereits die blauen LP-Boxen und/oder eine digitalisierte Version davon, die Schubertianer brauchen sowieso mehr als eine Aufnahme jedes einzelnen Liedes.