Dass Schubert diese Komposition in einer Zeit von Krankheit und Leid geschrieben hat und sie zu seinen Lebzeiten keine öffentliche Aufführung fand, berührte mich beim Hören sehr. Nach der Berliner Uraufführung schrieb Kritiker Karl Moeser 1833: "Dieses Werk des zu früh verstorbenen Komponisten erregte ein allgemeines Interesse, es ist reich an originellen, freilich oft auch seltsamen und mehr gemachten als gefundenen Wendungen, zumal in der harmonischen Behandlung. Der erste Satz ist der mindest gelungene in der Gestaltung. Das Andante mit Variationen dagegen muss man reizend nennen (...). Scherzo und Finale sind lebendig, voll lebhafter Rhythmen und oft sehr kunstreich gearbeitet."
Wahrscheinlich war Schubert mit dem ersten Satz einfach seiner Zeit bzw. deren Hörgewohnheiten voraus. Ich empfinde ihn als packend, emotional, dynamisch und doch oft zerbrechlich. Die Melodie drückt Schmerz, Aufbegehren, Verzweiflung, Wut und Trauer aus. Doch es scheint, dass mit jedem Satz mehr Zuversicht und Hoffnung im Komponisten aufblüht. Im Gegensatz zur Kritik von Moeser finde ich die ersten drei Sätze hervorragend (und das Andante viel mehr als nur reizend), hingegen das Presto am Schluss am wenigsten überzeugend.
Ich besitze Schubert's 14. Streichquartett sowohl in der Fassung des Takacs Quartet als auch in dieser von Christoph Poppen und dem Münchener Kammerorchester. Beide Aufnahmen haben ihren Reiz, aber diese hier ist aus besonderem Grunde einmalig im besten Sinne: der Leiter des Münchener Kammerorchesters hat mit Schuberts Streichquartett eine sinfonische Orchestrierung vorgenommen. Auch wenn hier keine über alle Zweifel erhabene audiophile Qualität vorliegt, so versprühen Dirigent und Orchester trotzdem kräftige, dynamische und warme Klangfarben mit dieser Aufnahme des bayerischen Rundfunks von 1998. Wichtig ist, dass der Funken springt, und mit Christopher Poppens Fassung geschieht das in Nullkommanichts. Wunderschön und berührend, von Könnern des Fachs gespielt.
Wer - so wie ich - bislang Schubert kaum kannte und sich auf dieses Streichquartett in D-Moll einlassen möchte, wird garantiert positiv überrascht sein. Diese Fassung wird dem Wunsch des Dirigenten und Bearbeiters gerecht und trägt sicher dazu bei, den visionären Spannungsverlauf dieses unsterblichen Werkes der willigen Hörerschaft näher zu bringen.