Die "Winterreise" zählt mit zu den bekanntesten Werken Schuberts, ja der Romantik überhaupt. Entsprechend viele (und viele gute) Interpretationen gibt es: und entsprechend schwierig scheint es, diesen noch eine weitere hinzuzufügen, eine, die sich behaupten kann. Doch ist der Wunsch, sich auf einem umkämpften Markt zu behaupten, überhaupt eine adäquate Motivation für den Versuch einer Neuinterpretation?
Staier und Pregardien lassen hören, daß eine solche Fragestellung irrelevant ist: "Innerlichkeit" geht in der Romantik stets dem "Ausdruck" voran, und nicht umgekehrt. Christoph Pregardien moduliert das unglaubliche Volumen seiner Stimme mit Feingefühl und Gewalt zugleich. Er findet einen Weg, höchste Künstlichkeit (und Kunstfertigkeit) mit "Natürlichkeit" zu verschmelzen; auf diese Weise entsteht der Eindruck von Empfindsamkeit (des Interpreten) - und von Empfinden (bei mir, dem Hörer). Auch Andreas Staier hat keinen geringen Anteil hieran: zurückhaltend, aber dennoch mit gesundem Selbstbewußtsein (oder sollte man besser sagen: Verantwortungsgefühl?) legt er das klangliche Fundament dieser wundervollen Interpretation. Seine Fähigkeit, dem Hammerklavier differenzierte Klangfarben zu entlocken, erweckt jedoch nie den Eindruck oberflächlicher Effekthascherei; vielmehr entsteht zusammen mit der Stimme Pregardiens ein Gesamtklang, ein "Sound", der mehr ist als nur Technik und gut koordiniertes Musizieren. Diese "Winterreise" ist nicht revolutionär und bilder-(klang-)stürmerisch: sie ist lediglich die Inkarnation des Geists der Romantik. Aber ist das nicht das höchste Lob, das möglich ist? Staier und Pregardien haben mit ihrer Interpretation etwas zutiefst Romantisches geschaffen - das prinzipiell Unmögliche nämlich: die Referenzaufnahme.