Ein großer Wurf ist András Schiff 1992/93 mit dieser Gesamteinspielung des Schubertschen Sonatenwerks gelungen. Es ist ein im besten Sinne gemäßigter (aber keinesfalls nüchterner) Schubert, der uns da aus den Händen Schiffs entgegentritt - und das ist auch gut so, möchte man hinzufügen, scheinen doch einige Interpreten zu vergessen, dass es in den Sonaten kaum eine "Allegro"-Satzbezeichnung gibt, die nicht durch den Zusatz "moderato" (gemäßigt) "ma non troppo" (aber nicht zu viel) eingeschränkt wird. Was wir hören ist ein ganz nach innen gerichtetes Monologisieren am Klavier, in der alle Spannung gelöst scheint. Doch aus dieser ruhigen Innerlichkeit heraus entfaltet Schiff alle Kräfte des Stillen. Dies tut er mit einer unglaublichen Dynamik-Differenzierung gerade im Piano-Bereich. Weniger ist hier sicher mehr; das wird beim Hören klar. Das Gleiche gilt auch für die Agogik: während sich die Satztempi, die er anschlägt, im üblichen Raum halten, hat Schiff durch behutsame Verzögerungen und Beschleunigungen im Bereich der einzelnen Töne bei mir für mehr als nur ein "Aha"-Erlebnis gesorgt: so hatte ich das noch nie gehört!
Die Aufnahmen lassen auch beim wiederholten Hören immer wieder Neues entdecken. Um nur ein persönliches Beispiel zu nennen: Ich fand den Mittelteil der 'großen' A-Dur-Sonate D959 immer ein bisschen peinlich; wie ein Anfänger muss man hier immer wieder die C-Dur-Tonleiter hoch- und runterspielen, dachte ich. Ganz anders bei Schiff: Hier wird diese Passage, in der keine musikalische Arbeit geleistet wird, zum ruhenden Zentrum des ganzen Satzes.
Der zurückgehaltene Ton, der warme, empfindsame Klang von Schiffs Spiel wird übrigens auch von Seiten der "Hardware" unterstützt, und zwar durch die Wahl eines Bösendorfer Flügels anstelle des sonst üblichen brillanteren, aber auch kälteren Steinway. Diese Wärme darf auch beim Hörer ankommen, denn dankenswerterweise wird er um keine der "himmlischen Längen" betrogen: Schiff lässt keine einzige Wiederholung aus und bemerkt dazu lakonisch im Begleittext: "Schuberts Werke sind keine Sekunde zu lang, vielleicht ist aber die Geduld gewisser Hörer zu kurz."
Zwei letzte Punkte, die ich noch erwähnenenswert finde, sind Schiffs akribisches Textstudium, das bis zu den Autographen zurückgeht und die glückliche Entscheidung, auch einige Fragmente in die Einspielung mit aufzunehmen, wie z.B. den wunderbaren, leider unvollendeten Hauptsatz einer fis-Moll-Sonate (D571). Er widersteht (im Gegensatz zu einigen anderen Interpreten) der Versuchung, den Satz durch fremde Zusätze zu komplettieren und bricht statt dessen lieber dort ab, wo auch Schuberts Aufzeichnungen dies tun.
Fazit: Diese Einspielung wird wohl kein "Kult" werden, dazu fehlen die sofort auffallenden Extreme, die solche Interpretationen gewöhnlich auszeichnen. Zum Glück: Der Lyriker Schubert wird hier von einem Lyriker Schiff interpretiert, und zwar so vollendet, dass ich diese Sammlung als meine liebste Einspielung der Schubert-Sonaten jedem unbedingt empfehlen kann.
Übrigens: Wer hier zum ersten Mal mit Schiff in Kontakt kommt, sollte unbedingt auch mal in dessen Bach-Interpretationen (z.B. Inventionen/Sinfonien oder Wohltemperiertes Klavier) reinhören!