'Weisheit und guten Geschmack für Jedermann'
Schiller, Hölderlin, Mörike sind als große schwäbische Dichter bekannt. Einer, auf den sich alle drei bezogen haben, hat sich indessen nicht in demselben Maß in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Christian Friedrich Daniel Schubart, geboren 1739 und im Reichsstädtchen Aalen in Württemberg aufgewachsenen, gestorben 1793 in Ludwigsburg, hat es schwer mit seinem Andenken. Dabei ist er Einer, der das Zeitalter der Empfindsamkeit und des Sturm und Drangs gelebt ' und repräsentiert - hat wie kaum ein Anderer. Vielleicht liegt es daran, dass es schwierig ist, diesen vielfältigen, in sich widersprüchlichen Charakter bündig zu beschreiben. Zu facettenreich stellt sich der Musiker, Musiktheoretiker, Journalist, Rezitator, Pädagoge dar.
Bernd-Jürgen Warneken, Professor für Empirische Kulturwissenschaft am Ludwig-Uhland-Institut in Tübingen, löst das Problem, indem er in seinem Buch Biographie und Anthologie auf sehr gelungene Weise vereinigt. Ob Schuldiktate, kunstvolle Gedichte - am bekanntesten das von Schubert vertonte 'Die Forelle' - schlichte Nachrichten und Berichte, Kommentare, eine Vielzahl journalistischer, volkspoetischer und literarischer Sujets hat Schubart stil- und registersicher beherrscht.
In diesem Jahr, in dem wir Schillers 250. Geburtstag feiern, sei daran erinnert, dass Schubart mit seiner Novelle 'Zur Geschichte des menschlichen Herzens' die Vorlage für 'Die Räuber' geliefert hat.
Seine 'Deutsche Chronik', die zweimal pro Woche erschien, war eine der am meisten gelesenen Zeitungen. Sie weckte nicht nur das Interesse der gebildeten Stände, sondern auch der einfachen Leute. Sein 'Volkston', der sich an der gesprochenen Alltagssprache orientiert, ohne deshalb banal zu werden, spricht direkt die Leserschaft an: 'Dort sitzt einer auf einem Erdenkloß, nennt ihn Thron und sagt den Geschöpfchen, die vor ihm kriechen: Er sei König. Der andere setzt sich auf eine Nußschale, äfft die burleske Gravität des Königleins nach und sagt den Würmlein, die vor ihm kriechen (man nennt sie Höflinge): Ich bin euer Fürst.'
Dass dieser freche Witz bei der absolutistischen Obrigkeit nicht begeistert aufgenommen wird, überrascht nicht. Herzog Karl Eugen von Württemberg lässt ihn ohne Anklage und Urteil auf der Feste Hohenasperg bei Ludwigsburg einkerkern und hält ihn dort 10 Jahre gefangen. Der Hohenasperg heißt seither der 'Demokratenbuckel' und er gilt als der höchste Berg der Gegend, weil man zwar ganz schnell oben ist, aber Jahre braucht, bis man wieder runterkommt.
Schubart gilt landläufig meist als früher, mutiger Demokrat und Freund des Volkes. Dass dies nur eine Seite seines vielschichtigen Wesens ist, macht Warneken deutlich, indem er immer wieder dokumentarisch belegt, wie hin- und hergerissen Schubart war. Zwischen tiefreligiöser pietistischer Frömmigkeit, dem Streben nach Bildung und einem entsprechenden Status, seinem Ehrgeiz, dem Volk zu gefallen und von ihm gelesen und geehrt zu werden, gleichzeitig aber unterwürfig seinem Landesherrn zu dienen, führte er ein leidenschaftliches, aufreibendes Leben ' ein 'unbürgerlicher Bürger' eben, und einer der ersten mutigen und kritischen Journalisten im deutschen Sprachraum, der noch heute als anregendes Vorbild dienen kann.
Bernd-Jürgen Warneken: Schubart. Der unbürgerliche Bürger. 350 S., mit zahlreichen Abbildungen und Dokumenten. Eichborn Verlag, ¤ 32.-
Hartmut Boger, vhs Wiesbaden