Max Frischs Roman "Homo Faber", der Bericht eines Ingenieurs, zählt mit Recht zu den besten deutschsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts. Der Erzähler Walter Faber, ein UNESCO-Ingenieur, hat sich das rein rationale Weltbild eines puren Technikers zugelegt. Mit Kunst, die ja der Ratio zuwider läuft, kann er nichts anfangen und Gefühle sind für ihn die großen Schwächen des Menschen; folgerichtig sieht er in emotionslosen, aber perfekt funktionierenden Maschinen sein Daseinsideal verkörpert. Doch im Laufe seines Berichts zeigt sich, dass Faber mit diesem Ungenügen sich selbst verleugnet, denn zu zwischenmenschlichen Beziehungen ist er nicht in der Lage.
Erst die Beziehung zur jungen Sabeth reißt ihn wieder hinein ins Leben; er beginnt, Dinge wieder zu erleben, Spontaneität auszuleben und ist auch zur Liebe fähig. Doch diese Liaison birgt ein verhängnisvolles und folgenschweres Geheimnis in sich, das Fabers Versagen zum Ausdruck bringt.
Max Frischs Roman ist keine Geschichte über das Schicksal. Sie zeigt vielmehr in ihrer Verkettung unwahrscheinlichster Ereignisse die Realitätsferne des rein technischen Weltbildes. Faber durchläuft in seinem Bericht eine gewaltige Entwicklung, so dass er am Ende Erzähltes nivellieren muss: "Alle Zeugnisse von mir wie Berichte, Briefe, Ringheftchen, sollen vernichtet werden, es stimmt nichts. Auf der Welt sein: im Licht sein. Irgendwo (wie der Alte neulich in Korinth) Esel treiben, unser Beruf! - aber vor allem: standhalten dem Licht, der Freude (wie unser Kind, als es sang) im Wissen, dass ich erlösche im Licht über Ginster, Asphalt und Meer, standhalten der Zeit, beziehungsweise Ewigkeit im Augenblick. Ewig sein: gewesen sein."
Dies sei nur ein Beispiel für die schlicht-schöne poetische Kraft der Sprache Frischs. Dabei weicht der zu Beginn des Berichts betont sachliche, ellipsenartige Erzählstil mehr und mehr der Verarbeitung von Gefühlen und Emotionen. Tiefen Eindruck hinterlässt vor allem das von Sabeth und Faber ersonnene Spiel, für alles, was sie sehen, Vergleiche zu finden.
Gewiss überzeugt der Roman vor allem durch das Bloßstellen einer bestimmten Lebensweise. Dass der American way of life das Leben nur kosmetisiere, so äußert sich Marcel, ein Bekannter Fabers, ist dabei nur eine von vielen Wahrheiten, die "Homo Faber" über das moderne Menschenbild preisgibt.
Eben jene Kritik am modernen Menschen, die deutlich mythischen Anleihen der Ödipus-Geschichte und das ganze andere schlaue Zeug, das in der Regel Schüler der Oberstufe aus diesem Werk herausziehen sollen, sind nur wenige Aspekte einer absolut modernen Erzählung, die auch in 50 Jahren immer noch als modern gelten wird. Je mehr wir den Menschen als berechenbar dekonstruieren und uns von Hirnforschern den freien Willen rauben lassen, umso aktueller werden Stoffe, die gerade dem entgegen wirken. Die Welt ist nicht berechenbar, sie ist es nie gewesen. Sie lässt sich auch nicht entzaubern, denn Phantasie ist Gott sei Dank eine Eigenschaft des Menschen.
Frischs Sprache, die all dies vermittelt, ist grandios. In ihrer schlichten Bescheidenheit ist sie dennoch enorm poetisch; sie spiegelt auf diese Weise eine tragisch-traurige Liebesgeschichte wider. Wer sich auf dieses Meisterwerk einlässt, wird nicht enttäuscht werden.