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Schritte im Schatten: Autobiographie 1949-1962
 
 
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Schritte im Schatten: Autobiographie 1949-1962 [Taschenbuch]

Doris Lessing , Christel Wiemken

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Neue Zürcher Zeitung

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Keine grosse Geschichte

Doris Lessing setzt ihre Autobiographie fort

«Wahr oder unwahr, wen interessiert das? Von den Geschichtenerzählern dieser Welt darf man keine langweiligen Genauigkeiten erwarten.» Was denn dann, möchte man Doris Lessing gerne selbst fragen, die auf immerhin 478 Seiten ihrer eigenen Geschichte zweiten Teil (von 1949 bis 1962) vorlegt und darin zu vielem mehr als ihrem Leben genau Bescheid weiss. Was darf man erwarten von den Geschichtenerzählerinnen dieser Welt? Eine ästhetische Wahrheit, die so für sich selbst steht, dass sie keiner Anbindung an krude Realität bedarf? Einen grossen Wurf der Phantasie, dem die Präzision im Detail als Kleingeistigkeit anzulasten wäre? Der eigenen Vorgabe genügt Doris Lessing, die mehr als einmal Beispiele für grosses Erzählen geliefert hat, in ihrer Autobiographie «Schritte im Schatten» nicht.

Im Werden

1949. Die Dreissigjährige hat «ihr» Land Südrhodesien verlassen und kommt, einen kleinen Sohn an der Hand, in London an. Lange Jahre folgen, während deren ihr die Stadt fremd bleibt – ein Dschungel, dessen Unbekanntheit sie zur Suchenden auf allen Ebenen werden lässt. Im Wechsel der Wohnungen, Freundeskreise, Partner stellt sich als einzige Kontinuität das Schreiben heraus. In den Blick des Lesers kommt eine Schriftstellerin im Werden. Eine Kommunistin im Umbruch. Immer auch (und immer voller Qual): die Tochter ihrer Mutter. Immer (voll Interesse, voller Selbstverständlichkeit): die Mutter des Sohnes Peter. Am Rande: die Geliebte. Und wieder, und immer mehr: eine Schriftstellerin, die ihre Vergangenheit und Gegenwart auslotet durch das Schreiben. «Wenn man die Art von Schriftstellerin ist, die ich bin – das heisst eine, die den Prozess des Schreibens dazu benutzt, um herauszufinden, was sie denkt und sogar was sie ist –, dann ist es eindeutig unehrlich, die Trittleiter umzustürzen, auf der man hinaufgestiegen ist . . .»

Die Abrechnung mit dem Kommunismus treibt sie um. Der politische Entwurf, dessen revolutionärer Verheissung sie sich schon in Afrika verschrieben hatte, ist die Folie, vor der ihr Leben in den fünfziger Jahren sich abspielt. Ob «Lenin, einer der skrupellosesten Mörder der Geschichte», ob die «Sentimentalität der Linken», ob die Tendenz, so zu tun, «als wären es nur die niederen Regionen, in denen man die Wahrheit finden könne» – ihre grossen Zweifel setzen in jenen Jahren ein, als sie erstmals in die Sowjetunion reist, als sie in London wochen- und monatelang Genossinnen und Genossen bei sich beherbergt und sich immer mehr an deren Weigerung stösst, die Schreckensmeldungen über den real existierenden Kommunismus zur Kenntnis zu nehmen. Ihrem damaligen Ich begegnet die Erzählerin mit dem engagierten Gestus des Sich-selbst-Verstehens, ohne die Fassungslosigkeit gegenüber dem Erinnerten zu unterschlagen:

Ich war weit davon entfernt, zu begreifen, wie ich es heute tue, dass das «Unterstützen» der Sowjetunion lediglich die Fortsetzung der Gefühle meiner frühen Kindheit war – Krieg, das Verständnis für Leiden, Identifizierung mit Schmerz –, das Wissen um Gut und Böse. Das einzige, das ich wusste, war, dass hier etwas tief Vergrabenes war, das mich plagte wie ein Alptraum.

Und so wird sie immer zurückhaltender, wenn jugendliche Begeisterte versuchen, ihre wachsende Prominenz für die «gute Sache» zu gewinnen: «Sie müssen verstehen, das ist alles andere als mein erster Aufbruch – und es tut mir leid, aber ich habe gelernt, der Inbrunst zu misstrauen.» Die Kulisse, vor der dies spielt, ist das London der Nachkriegszeit. Eine hellwache Zeitzeugin schaut von der Church Street, der Warwick Road, der Langham Street aus weit über ihren Tellerrand hinaus, auf ein bitterarmes Irland und Spanien, auf Deutschland, das am Boden liegt, auf das Märchenland Frankreich, wo die Frauen schon wieder Hüte tragen. Und während sie in grössere Wohnungen zieht, erwachen in den Theatern, den Cafés der britischen Hauptstadt die Lebensgeister neu. Doris Lessing ist dabei und doch am Rand, beobachtet involviert und kritisch zugleich, mit der geistigen Weite eines Menschen, der sich schon in einer ganz anderen Welt in die Verhältnisse verwickelt, eingemischt und sie durchlitten hatte, oft ihrer Zeit voraus.

Zerstreutheit

Und doch liest sich diese spannende Dokumentation nicht gut. Fahrig, zerstreut lässt die Erzählerin Hunderte von Namen, Hunderte von Geschichten fallen, stellt sie nebeneinander, anstatt sie zu entwickeln und in Beziehung zueinander zu setzen. Alle paar Seiten findet sich mindestens ein Beispiel für sprachlich falsche Bezüge. Der Duktus mündlichen Geplauders, in dem die Autorin schreibt, präsentiert sich auf weiten Strecken als sprachliche Zerstreutheit und stilistische Nachlässigkeit; Unordentlichkeiten, die sich unglücklicherweise in einer an vielen Stellen missverständlichen Übersetzung von Christel Wiemken verschärfen: «Das Ende alles Mündlichen von Kultur war gekommen.»

Ist es die Zusammenhangslosigkeit des Lebens selbst, die diese unstrukturierte Autobiographie rechtfertigen soll? Mehr scheint es eine sprachliche Unentschiedenheit zu sein, als deren Folge Anekdotisches und Romanhaftes, moralisch Belehrendes und politisch Feststellendes so wahl- wie übergangslos nebeneinander erscheinen. Zu den verschiedensten Themen werden zwei, drei autoritär abwertende Sätze hingeworfen, die in dieser Mischung aus Oberflächlichkeit und Gewichtigkeit unangenehm berühren. Wenn Lessing von langen einsamen Spaziergängen durchs nächtliche London berichtet, während deren ihr nicht einmal ein seinen Mantel öffnender Exhibitionist Angst einjagen kann, merkt sie an: «Ist es eine gute Sache, dass die Frauen so zimperlich geworden sind, sich so leicht schockieren lassen und sich obendrein nicht zu helfen wissen? Wie die Damen der Viktorianischen Zeit fangen Frauen von heute an zu schreien oder fallen in Ohnmacht, wenn sie einen Penis sehen, der ihnen unbekannt ist, fühlen sich von einer anzüglichen Bemerkung erniedrigt oder rufen einen Anwalt, wenn ein Mann ihnen ein Kompliment macht.» Der Zusatz: «Und all dies geschieht im Namen der Gleichberechtigung der Geschlechter», lässt die Leserin ein wenig ungläubig auf ihre bewunderte Autorin schauen.

Und doch: In einer Hinsicht – der Perspektivierung der verschiedenen Ichs – nimmt Doris Lessing den Auftrag der Autobiographie sehr ernst. Die alte Frau, kritisch sich selbst und den anderen Agierenden einer vergangenen Zeit zuschauend, wird per Fiktion so lebendig wie die Dreissig-, Vierzigjährige, zwischen rebellischer Tochter- und engagierter Mutterschaft lebend, zwischen störrischem Einzelkämpferinnendasein und leidenschaftlichem Liebesleben, die Wohnungen und die Welten wechselnd, vom Kommunismus so angezogen wie verstört. Auch wenn man bald die Verbindungslinie von der eigenwillig suchenden Jungen zur eigenwilligen Alten mit den ganz festen Meinungen gezogen hat, bleibt doch die erinnerte junge Frau ein mit distanziertem Respekt und von keiner nachträglichen Besserwisserei eingeholtes, eigenständiges Wesen.

Bernadette Conrad -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Kurzbeschreibung

Der lang erwartete zweite Band von Doris Lessings Erinnerungen entführt in das von Aufbruchsphantasien beflügelte London der Nachkriegszeit. Nach der Jugend in Afrika erzählt sie hier von ihren englischen Jahren, von kleinen Liebschaften und großen Leidenschaften, von Idealismus und Verrat in der literarischen und politischen Öffentlichkeit.
Wir erleben, wie sich die alleinerziehende Mutter - gerade erst der Enge der britischen Kolonialgesellschaft in Südrhodesien entronnen - mit Witz und Energie gegen die kleinen und großen Widrigkeiten des Alltagslebens in einer Metropole zu behaupten weiß. Doris Lessing schildert, wie sie als Frau und streitbare Linke um Anerkennung in der von Männern dominierten Öffentlichkeit kämpfen muss. Wir begegnen Personen der Zeitgeschichte wie Bertrand Russell, John Osborne oder einem jungen Karrierediplomaten namens Henry Kissinger.


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