Das Reclam-Heftchen versammelt einige sprachphilosophische und -forscherische Schriften von W. v. Humboldt. Dabei stellt die "Einleitung zum Kawi-Werk" den umfangreichsten Text dar. Ohne die teils philosophischen, teils eher wissenschaftlichen Texte näher durchleuchten zu wollen, soll an dieser Stelle das Lob der Antezipation sprachlicher Erkenntnisse Humboldts ausgesprochen werden. Schon im ersten Text "Über Denken und Sprache" zeigt sich die simple und doch so plausible Hinführung des Denkens zur Sprache, "die sinnliche Bezeichnung der Einheiten [des Denkens]". Und wie sehr erinnert in "Thesen zur Grundlegung einer Allgemeinen Sprachwissenschaft" ein Satz an Wittgenstein, wenn H. schreibt: "Jede Sprache setzt dem Geist derjenigen, welche sie sprechen, gewisse Grenzen, schließt, insofern sie eine gewisse Richtung gibt, andre aus." Einen derridaschen Gedanken nimmt H. vorweg in "Über den Dualis": "Die Sprache trägt Spuren an sich, dass bei ihrer Bildung vorzugsweise aus der sinnlichen Weltanschauung geschöpft worden ist, oder aus dem Inneren der Gedanken, wo jene Weltanschauung schon durch die Arbeit des Geistes gegangen war." Der größte Text, d.h. "Einleitung zum Kawi-Werk", ist auch der vielschichtigste, versucht Sprache zu systematisieren in ihren wissenschaftlich-linguistischen Disziplinen. H. definiert Sprache genetisch: "Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia)." H. nennt die Sprache das Organ des Gedanken und schreibt weiter in einer quasi-phänomenologischen Weise: "Die Tätigkeit der Sinne muss sich mit der inneren Handlung des Geistes synthetisch verbinden, und aus dieser Verbindung reißt sich die Vorstellung los, wird, der subjektiven Kraft gegenüber, zum Objekt und kehrt, als solches auf neue wahrgenommen, in jene zurück." Die Sprache wird ihm zum epistemonologischen Mittel zum Zwecke des Verstehens, obschon er erkenntniskritisch äußert: "Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen, alle Übereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen." Sehr extensiv entwickelt H. auch Ansätze zur Lautforschung und meint, dass die Lautform der Ausdruck sei, welchen die Sprache dem Gedanken erschafft. H. ordnet die Sprache zudem einer Semiotik unter, versucht zwischenmenschliche Kommunikation nicht als das Sich-Hingeben der Zeichen der Dinge zu begreifen sondern Begriffserzeugungen im Sinne derselben "Taste ihres geistigen Instruments" zu erfassen...
Die Texte bieten viele spannende Einblicke in die Sprache. Für Sprachinteressierte eine sehr wichtige Fundgrube an Vorwegnahmen, Hypostasen und überwältigender, humbolt-geistiger Tiefgänge.