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Schriften: Die Katastrophe der Phrasen: Glossen 1910 - 1918: ABT II / BD 19
 
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Schriften: Die Katastrophe der Phrasen: Glossen 1910 - 1918: ABT II / BD 19 [Taschenbuch]

Karl Kraus
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

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Produktinformation

  • Taschenbuch: 279 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp; Auflage: 2., Aufl. (20. September 1994)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518378295
  • ISBN-13: 978-3518378298
  • Größe und/oder Gewicht: 17,2 x 10,8 x 1,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.018.413 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Über den Autor

Karl Kraus, 1894-1936, gilt heute als einer der bedeutendsten Sprach- und Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts. Mit seiner Zeitschrift 'Die Fackel' und seinem literarischen Schaffen war er unbestechlicher Kommentator des kulturellen und politischen Zeitgeschehens.

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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Unsterbliche Glossen 24. Juni 2008
Von weiser111
Glossen aus der Zeit von 1910 bis 1918, meist Kommentare zu Randbemerkungen aus der Welt der zeitgenössischen Journalistenzunft -- das mag ja noch so brillant formuliert sein, aber gibt es nicht doch Interessanteres zu lesen? So mag einer zweifeln, der noch nie über Kraus' spitze Bemerkungen gestolpert ist. Sonst wüsste er nämlich, dass Karl Kraus ein bis heute unerreichter Großmeister der Sprachkritik ist. Was sag ich "Sprachkritik" -- "Zeitkritik" müsste es heißen, oder "Decouvrierung der Sprache als Gradmesser für den Ungeist der Zeit". Aber ich hör ja schon auf; Karl Kraus hätte das sicher treffender formuliert als ich.

Also nochmal von vorn: Dieser erste Band von Kraus' Glossen innerhalb der Werkausgabe gehört zum Kronschatz des Genres (Der zweite Glossen-Band mit dem Titel "Kanonade auf Spatzen" umfasst die Jahre 1920 bis 1936). Kraus pickt sich scheinbar Nebensächliches aus den Vermischten Nachrichten heraus und präpariert seine Funde dermaßen gekonnt, dass am Ende kein belangloses Kuriosenkabinett herauskommt, sondern eine Bestandsaufnahme des Ungeists der Zeit, ein Psychogramm nicht nur der k.u.k.-Gesellschaft in ihren letzten Atem- und Kriegszügen. Einen scharfen Blick braucht's dazu, und außerdem die passenden scharfen Worte. Kraus hat beides im Übermaß.

Das Zeitlose sind hier tatsächlich nur selten die Ereignisse selber, die Kraus kommentiert. Genial zeitlos ist aber, wie er mit scharfem Blick genau jene Ereignisse aufs Korn nimmt, in deren Hintergrund der Zeitgeist besonders dreist die Zähne fletscht: Mal klagt Kraus bitterernst an, etwa im "Interview mit einem sterbenden Kind", wo die Leichenfledderei der "Journaille" (Kraus) einem die Adern gefrieren lässt -- den Begriff "Paparazzi" kannte man 1912 noch nicht, den Tatbestand aber sehr wohl. Fürs Gedeihen sorgte die Kundschaft -- auch daran hat sich nichts geändert...
Kraus ist aber nicht nur engagierter Ankläger (ein Epitheton wie "Gewissen der Nation" hätte er sich sowieso verbeten), sondern auch wortgewaltiger Satiriker, beispielsweise wenn er genüsslich die Gefahren für Leib und Leben erörtert, die adipöse Feiertags-Ausgaben der Zeitungen mit sich bringen können ("Gefährlich"; April 1911). Hier und anderswo merkt man übrigens auch, bei wem die Verfasser der allerbesten SZ-"Streiflichter" in die Lehre gingen... Und wenn Kraus sich nicht die sprachmaßregelnde Kriegswirtschaft vorgeknöpft hätte, dann wäre das sowieso verwunderlich; explizit ist der Spott beispielsweise in "Eingedeutschtes" zu bewundern. "Sprachpuristen aller Länder -- verkrümelt euch!", will man da beim Lesen glucksend ausrufen.
Einige Glossen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges lesen sich obendrein wie Vorstudien zu den "Letzten Tagen der Menschheit" -- in dieser (und anderer!) Hinsicht dürften die beiden "Glossen"-Bände auch literaturwissenschaftlich eine Fundgrube sein. Und wenn man gerade mal keine wissenschaftlichen Studien betreibt, liest sich "Der seelische Aufschwung" (womöglich während einer Fahrt mit der Elektrischen von Baden nach Wien?) noch viel komischer, bissiger, ins Schwarze treffender.

Vor allem aber lernt man Karl Kraus in "Katastrophen der Phrasen" als denjenigen kennen, der den verräterischen Unsinn nachgerade gerochen haben muss: "Die elektrische Bahn Wien -- Preßburg ist eröffnet worden" filetiert ein Prachtexemplar des journalistischen Unfugs; hier hat sich ein mäßig begabter Lokalreporter im Schweiße seines Angesichts bemüht und dem großen Kraus damit eine Steilvorlage geliefert. Und von der Art gibt es noch viel mehr in dieser Sammlung...
Freilich gilt der Spott nicht allzu oft dem eher harmlosen Schmonzes. Am besten ist Kraus nämlich dann, wenn er den Ungeist der Zeit aufspießt und, etwa in "Unsere bewaffnete Macht", groteske Auswüchse des allgegenwärtig köchelnden Antisemitismus anprangert. Manchmal ähneln seine Glossen sogar berühmten Szenen von Karl Valentin, etwa wenn er in "Die europäische Melange" die nationalen kriegsbedingten Konsumgüter-Engpässe zu einer fiesen Satire zusammenrührt. (Um Missverständnissen vorzubeugen: Karl Kraus und Karl Valentin waren alle beide Großwesire ihrer Fürstentümer, und miteinander verwechseln kann man sie sowieso nicht).

Als einzigen minimalen Mangel könnte man beanstanden, dass die Anmerkungen und der editorische Bericht im zweiten "Glossen"-Band ("Kanonade auf Spatzen") zu suchen sind. Aber andererseits sprechen diese Glossen erstens auch unkommentiert für sich selber, und zweitens lohnt sich die Lektüre von Band 2 nicht minder.

Mögen sich auch die bevorzugten Journalisten-Themen geändert haben in den Jahrzehnten seitdem -- der Unfug ist unsterblich, und genau deswegen sind es auch Karl Kraus' Glossen.
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