Der nahende Tod, der mit seinem bedrohlich kalten Atem eine Ansammlung ungleicher Menschen im Angesicht des bitteren Endes noch einmal zu einer Notgemeinschaft zusammenfügt, in deren Bande sich jedoch die trennende Kluft stärker herauskristallisiert als eine loyale Verbundenheit, weil all jene seelischen Abgründe ins gleißende Licht gerückt werden, die vorher so mühsam verdeckt wurden, ist ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch viele Filme von Ingmar Bergman zieht. Es wird nicht die einzige Obsession des schwedischen Regisseurs mit dem Hang zur schwarzen Romantik bleiben, die sich hier ein Stelldichein gibt. Der Glaube an Gott, die Zweifel an seiner Existenz, dessen Abstinenz, die Sinnsuche, der beklemmende Prozess des Sterbens, die Einsamkeit dabei, die Probleme mit der Sexualität, der verzweifelte Versuch von Frauen, in einer Partnerschaft selbstbestimmt zu leben, die verschiedenen Ebenen von Raum, Zeit, Traum und Realität, all das wird in diesem von Sven Nykvist wunderschön bebilderten Drama noch einmal in leicht abgewandelter Form durchexerziert. Erneut spielt auch der Aspekt der Sprachlosigkeit eine große Rolle und wieder sind es Frauen, die sehr wortkarg agieren, um genauer zu sein, vier an der Zahl, die sich um die Jahrhundertwende auf einem malerischen Landsitz einfinden, wo sie geisterhaft durch die weiten Flure und großräumigen Zimmer eines bourgeoisen Anwesens wandeln. Ihnen haftet etwas Unheimliches an, denn sie reden wenig und wenn sie sprechen, dann lügen sie oder ergehen sich in Phrasen, sodass nur all das von Bedeutung ist, was alles nicht gesagt wird.
Karin und Maria sind zu Besuch bei ihrer Schwester Agnes, die gemeinsam mit ihrer Zofe Anna das Gut bewohnt. Ausgerechnet in der Blütezeit ihrer Jahre liegt Agnes auf dem Sterbebett. Ihr Körper ist ausgemergelt, die Augen blutunterlaufen, die Lippen spröde, ihre Haut bleich. Die Schwestern sind gekommen, um der Todgeweihten in ihrer letzten Stunde beizustehen. Sie wollen Trost spenden, doch sie können nicht, den unter den schmerzvollen Schreien von Agnes liegt das leise Flüstern schockierender Tabubrüche, das subtil andeutet, warum eine solche Gefühlskälte zwischen den Geschwistern herrscht. Eingestreute Rückblenden in die Vergangenheit gewähren einen kleinen Einblick hinter die aufgesetzte Maske dieser zwei nur sehr begrenzt mitleidfähigen Damen: Während die selbstsüchtige Maria ihren Ehemann mit einer Affäre in einen Suizidversuch treibt, schneidet sich die frustrierte Karin mit einer Glasscherbe den Unterleib auf, weil sie die physische Nähe zu ihrem autoritären Diplomaten-Gatten kaum mehr erträgt. Beide Schwestern haben sich von Agnes entfremdet. Sie sind zu Schauspielerinnen degeneriert, da sie in ihren Ehen dazu gezwungen sind, eine gesellschaftlich konforme Rolle zu spielen, die sie in einem Sarg aus hochgeschlossenen Kleidern zu lebendigen Toten macht, bis sie kaum mehr etwas empfinden, sodass sie sich und andere verletzen, um den Schmerz zu spüren, der ihnen signalisiert, dass sie noch existent sind. Der Glaube von Agnes, mit ihren Schwestern noch einmal einmütig vereint zu sein, entpuppt sich als Illusion. Die Menschlichkeit und das Mitgefühl, das die Sterbenskranke im Augenblick des Todes einfordert, wird daher nur von ihrer Zofe Anna erwidert, deren eigenes Kind bereits mit drei Jahren verstorben ist. Als die Leiche von Agnes aufgebahrt auf dem Bett liegt, findet ihr Geist keine Ruhe. Noch einmal ruft sie aus dem Jenseits die drei Frauen zu sich, um eine letzte Bitte zu äußern.
Eigentlich sollte man Bergman-Filme einfach so stehen und auf sich wirken lassen, weil sie sowieso sehr schwer zu interpretieren sind. Als Kernaussage könnte man vielleicht noch extrahieren, dass dort wo Nächstenliebe versagt wird, die Hölle auf Erden herrscht. Das Sterben der sensiblen Agnes könnte auch eine Metapher für den sozialen Tod sein, den man erleidet, wenn man sich nicht wie Karin und Maria in aller Selbstverleugnung an die gesellschaftlichen Konventionen anpasst. Die Bildsprache fällt sehr impressionistisch aus, wobei die visuelle Ästhetik die unwirkliche, traumhafte Atmosphäre zusätzlich hervorhebt. Die Räume des Anwesens wurden sehr abstrakt und in einem diabolisch flammenden Rot ausgestattet, während die Rückblenden wie vergilbte Fotographien erscheinen, die voller Erinnerungen sind, sodass dieses Elternhaus der drei Schwestern zugleich fremd und vertraut wirkt. Frauen werden wieder einmal als Personen mit zwei Gesichtern porträtiert, insbesondere wenn in intimen Close-Ups der Kopf im Dunkeln mit rotem Neonlicht grell von der Seite ausgeleuchtet wird, wodurch eine Gesichtshälfte (das wahre Ich) immer im Schatten verborgen bleibt. Da nur wenige Dialoge gesprochen werden, sind die Darstellerinnen dazu gezwungen, sich mehr über die Mimik zu artikulieren. Ingrid Thulin kehrt den inneren Schmerz der neurotischen Karin mit ihren weit aufgerissenen, konsternierten Augen sehr egozentrisch nach außen. Wenn sie vor einem Spiegel steht und aus ihrem eng geschnürten Kleid steigt, in ein weißes Nachthemd schlüpft, die streng nach hinten frisierten Haare öffnet und zu einem Zopf flechtet, wirkt das wie eine Metamorphose, die sie von den Fesseln des großbürgerlichen Milieus befreit. Dagegen kaschiert Liv Ullman als leichtlebige Maria ihren narzisstischen Kern mit abschätzigen Blicken und einem äußerst maliziösen Lächeln, das vergeblich versucht, ihr sexuelles Verlangen zu unterdrücken. Ausgerechnet in dem Moment, als die ganze Wahrheit endlich einmal aus beiden Schwestern von innen nach außen herausbricht, ertönt Bachs Sarabande, sodass man leider nicht hört, was sie sich offenbaren. Auffällig ist, dass die Abstinenz der Mutter eine große Rolle spielt. Möglicherweise werden die einzelnen Facetten ihres Charakters in den vier Frauen aufgefächert. Zumindest wird dies mehrfach angedeutet. Da Ingmar Bergman immer sehr viel Autobiographisches in seine Filme einfließen ließ, könnte man fast meinen, dass die drei Schwestern und die Zofe gemeinsam das Bild seiner eigenen Mutter reflektieren. Dies bleibt jedoch sein süßes Geheimnis.