Neue Zürcher Zeitung
Satirischer Kampfgeist
Der Kabarettist und Autor Werner Schneyder
Auf dem einen Buchumschlag ist der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt und dem Rollkragenpullover von schräg hinten zu sehen sein Blick geht aufs Wasser hinaus. Auf dem anderen der beiden bei Kremayr & Scheriau erschienenen Sammelbände blickt der Autor wie aus weiter Ferne zu uns her, auch hier umrahmt von einer dunstigen Meer- oder Seelandschaft. Werner Schneyder der melancholisch-spitzbübische Freddy Quinn des deutschsprachigen Kabaretts? Dazu würde nicht schlecht eine Selbstcharakterisierung des Autors passen, betreffend sein Verhältnis zum anderen Geschlecht: «Ich würde Frauen, bevorzugt junge und schöne, gerne in höchster Seenot retten», gesteht der vor kurzem abgetretene Kabarettist, seines Zeichens auch Chansonnier, Bühnenregisseur und Sportberichterstatter. Schneyders «eingeborene» Schreibweise ist der Dialog, dieser dominiert nicht nur die klassischen Kabarettszenen, sondern auch viele der hier in einer Auswahl vorliegenden Glossen und Feuilletons. Der Autor inszeniert vertrauliche Gespräche mit Gott («Haben Sie ihn gegengelesen?» gemeint ist der neue Katechismus), er parliert mit Freunden, Experten, Kellnern und Prototypen, und er unterhält sich, selbst meist polemisch, über Meldungen aus öffentlichen Debatten. Als Alltagsbeobachter medialer Havarien leistet Werner Schneyder seinen für einen Österreicher gewissermassen obligatorischen Dienst in der Kraus-Nachfolge ab. Wenn der Autor mit politischen und journalistischen Sprachgewohnheiten abrechnet, begibt er sich allerdings in eine Ringrichterposition, die den sprachlichen Poseuren manchmal allzusehr hinterhertrippelt. Talk als «die permanente Selbstdarstellung im Zeitalter der psychischen Rampengeilheit», Fernsehen als «die einzige Beziehungskiste, die wirklich funktioniert» das sind Binsenweisheiten, abgefedert mit elastischem Sprachwitz und immer auf die korrekte Seite fallend.
Moralischen Pauken zum Verwechseln ähnlich sind auch manche Refrains der Kabarettlieder. Mit der Schwungkraft des Reims purzeln die bedeutungsübergewichtigen Vokabeln nur so daher: Ozonloch, Konjunktur, Endzeitjause, Abkassierer und Exportierer, Faust und Holocaust. Subtiler wird in den Feuilletons und Kolumnen verfahren. Deren bevorzugte Themen: die Welt der Kleinstadtbühnen und des Fernsehens, der Krieg, die Wirtschaft, das Essen, Haider, Politiker (die immer Probleme mit der Sprache haben), Intellektuelle, Linke in allen Schattierungen und Verirrungen, Journalisten, Boxer. Hier kann sich Schneyders satirischer Kampfgeist im Detail bewähren. Sein von ihm selbst immer wieder betontes Nahverhältnis zu Ökonomie und Sport verleiht dem Beruf des Zergliederers hier auch einiges an Bodenhaftung und sinnlicher Präsenz.
Gisela Steinlechner
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Texte zwischen Engagement und Sensibilität, zwischen Witz und Tiefgründigkeit von Werner Schneyder. Der bekannte Kabarettist beweist mit Satiren, Polemiken, Erzählungen, Essays, Prosagedichten, Reimen und Aphorismen seine Vielseitigkeit.