Mit Rudolf Augstein verstarb am 7. November 2002 der neben Axel Springer wohl bedeutendste Herausgeber und Journalist im Nachkriegsdeutschland. Sein Name ist untrennbar mit dem von ihm gegründeten Magazin "DER SPIEGEL" verbunden, dem er bis zum Ende treu blieb. In Auszügen aus seinen Beiträgen für den "SPIEGEL", Interviews und Reden geht es im vorliegenden Buch "Schreiben, was ist" nochmals um Rudolf Augsteins journalistische Geschichte, beginnend im Gründungswinter des "SPIEGEL" 1946/47 bis zu seinem letzten Kommentar im "SPIEGEL" am 26. August 2002.
Rudolf Augstein zeichnet sich zum einen durch eine unerbittliche Konsequenz in der Darstellung seiner Position. So konsequent, dass er im Verlauf der legendären "SPIEGEL-Affäre" für 103 Tage in Haft muss. Doch ebenso ist es Rudolf Augstein, der sich seinen Widersachern immer wider zuwendet, mit ihnen ausspricht und mitunter sogar versöhnt, und sei es nur für den Moment. Sowohl bei Konrad Adenauer, Franz Josef Strauss oder Helmut Kohl, es war der Versuch, engagiert und menschlich zugleich zu sein.
Der Bildteil unterstreicht dies: Von wenigen privaten Bildern aus Kindheit und Jugend abgesehen, zeigt es Rudolf Augstein meist im innigen Austausch mit den Großen der Welt: Ob mit dem Philosophen Martin Heidegger, dem Studentenführer Rudi Dutschke, dem Boxer Muhammad Ali, dem russischen Staatschef Leonid Breschnew oder dem Schauspieler Sir Peter Ustinov, immer scheint es ihm großen Spaß zu machen und tiefe Zufriedenheit zu bereiten.
Doch die Ambivalenz des politischen Journalisten wird auch nicht verschwiegen: Stefan Aust beschreibt in seinem Vorwort etwa die diebische Freude, die Rudolf Augstein der Verriss von Günter Grass durch den Kritiker Marcel Reich-Ranicki bereitet hat und zitiert im Anschluss den Meister wie folgt: "Ein Journalist kann keine permanenten Freundschaften haben."
Eine ausführliche Chronik, Quellennachweise und ein Nachwort von Herausgeber Jochen Bölsche runden dies informative Buch ab. Dem Herausgeber ist eine beeindruckende Synthese gelungen: "Schreiben, was ist" ist ein wichtiger Beitrag über mehr als ein halbes Jahrhundert deutscher Politkultur, über politischen Journalismus und nicht zuletzt über die faszinierende und auch widersprüchliche Persönlichkeit von Rudolf Augstein.