Auf knapp 360 Seiten will die Autorin "Hilfe leisten: bei typischen Schreibfehlern, bei typischen Problemen während der Erstellung eines druckreifen Berichts und bei den bekannten Stolpersteinen, wenn es darum geht, technische Zusammenhänge verständlich zu formulieren." (Vorwort, S. 5)
Eine "Rechtschreibschwäche", die die Autorin im Vorwort bei IngenieurInnen vermutet, sehe ich aus meiner Praxis mit der Zielgruppe nicht gegeben, wohl aber eine gewisse 'Schlampigkeit'. Diese ist jedoch nicht auf Unkenntnis der Grammatikregeln zurückzuführen. Vielmehr planen IngenieurInnen nach meinen Erfahrungen die Zeit für das Schreiben der Berichte im Gesamtprojekt nicht ein: Für das Überarbeiten der Texte fehlt dann häufig die Zeit. Das Resultat sind dann die von Frau Weissgerber bemängelten Rechtschreibfehler. Diese wären beim zweiten Lesen und etwas Abstand zum Text möglicherweise - bei entsprechender Zeitplanung - noch entdeckt worden.
Leider werden jedoch der Schreibprozess und seine sinnvolle Verzahnung mit der ingenieurwissenschaftlichen Arbeit nicht thematisiert. Die Hinweise in dem Buch werden für schreibende Ingenieure und Ingenieurinnen erst in der Überarbeitungsphase relevant. Für das Überarbeiten von Texten vor allem in Hinblick auf Grammatik und Rechtschreibung ist das Buch durchaus geeignet, der "Duden" täte es aber auch.
So beschränkt sich "Schreiben in technischen Berufen" vorwiegend auf die Formulierungsarbeit; also auf Wortwahl und Syntax sowie die leserfreundliche Gestaltung von Texten hinsichtlich Layout und Verzeichnissen. Fragen zur Präzisierung der Fragestellung, Auswahl und Strukturierung der Inhalte, zur visuellen Aufarbeitung technischer Sachverhalte und deren Beschreibung im Text werden nicht behandelt.
Die Stärke des Buches liegt dabei in den zahlreichen Beispielen: Viele relevante Sprach- und Stilfragen werden anhand von anschaulichen Beispiele aus den Ingenieurwissenschaften erörtert. Die Beispiele sind sprachlich und inhaltlich unterhaltsam geschrieben.
Anhand der Beispiele können die Leser und Leserinnen sehen, wie sie es 'richtig' machen können: Die Autorin bietet Formulierungshilfen, mit denen beispielsweise Fachbegriffe eingeführt werden können. Oder sie erläutert, wie Missverständnisse durch falschen Satzbau oder Wortwahl herbeigeführt werden können bzw. auch wieder aufgelöst werden können. Hinzu kommt eine Liste mit alltagssprachlichen Formulierungen und deren 'Übersetzung' in schriftsprachliche und sachgemäße Formulierungen.
Die 'Schätze', die das Buch enthält, erschließen sich dem Leser und der Leserin jedoch nur durch systematisches Lesen von Anfang an.
So enthält das Buch z.B. in Kapitel 3 "Guter Stil - schlechter Stil" einen Unterabschnitt mit dem Titel "Übertrieben: 'geschraubt' schreiben". Dieses Phänomen findet sich häufig in studentischen Texten: antiquierte Wortwahl, lange, verschachtelte Sätze, Nominalstil, Passiv-Konstruktionen werden von Studierenden und auch Ingenieuren häufig verwendet, in dem Glauben, 'man' müsse so schreiben, damit der Text wissenschaftlich bzw. fachlich kompetent wirkt.
In dem genannten Abschnitt geht Frau Weissgerber jedoch nur auf die Wortwahl ein. Nominalstil und Passiv-Konstruktionen, ebenfalls Kennzeichen eines "geschraubten" Stils, werden jedoch in anderen Teilen des Buches behandelt unter jeweils anderen Aspekten.
Ingenieure und Ingenieurinnen haben es jedoch beim Schreiben eilig! Sie nutzen Bücher dieser Art eher als Nachschlagewerk. Als Nachschlagewerk eignet sich "Schreiben in technischen Berufen" jedoch weniger, da sich aus dem Inhaltsverzeichnis nicht auf den ersten Blick erschließt, wo die enthaltenen Schätze zu finden sind.
Das Buch eignet sich daher gut als Grundlage für einen fachsprachlich orientierten Schreibunterricht, besonders aufgrund der Fülle an Beispielen, gehört jedoch in die Hände der Dozentin oder des Dozenten. Den Studierenden wird es aufgrund der fehlenden Binnenstruktur nur bedingt Hilfe leisten.