Irgendwann komme der Tag, an dem plötzlich ein schwarzes, handliches Notizbuch der Firma "Moleskin", mit einem auffälligen Gummiband, auftauche. So steht es im Vorwort und betrifft nicht nur Kurt, den erlösten Helden dieses Schreibkurses. Da ich selber inzwischen bei Nummer 7 angelangt bin, darf man annehmen, dass ich diesen Tag vor Urzeiten erlebte und natürlich dachte, ich wüsste schon alles über die Kunst des Notierens. Aber dem war erwartungsgemäß nicht so, was schon aus der Fünfsternebewertung hervorgeht.
Da ich an der Geschichte des Notierens wenig interessiert bin, übersprang ich die ersten zehn Seiten und setzte beim Kapitel "Textprojekte und Schreibaufgaben 1: Elementares Notieren" ein. Der französische Schriftsteller Georges Perce führt gleich vor, wie man Gesehenes so vollständig wie möglich festhält. Danach liefert Hanns-Josef Ortheil seine Varianten und stellt zum Schluss drei Schreibaufgaben, wie es das Konzept dieser Reihe eben vorsieht. Vier weitere Aufgaben gibt es zum Kapitel "Notieren als Webcam", während bei "Notieren als Fotografieren" lediglich drei zu erledigen sind. Allerdings sind viele Aufgaben happig und zeitintensiv, so dass jeder Leser sein Programm selber zusammenstellen wird. Bevor der zweite Teil beginnt wird noch Recherchiert und Monologisiert. Immer mit prägnanten Beispielen anderer Notizenfesthalter. Ab Seite 51 folgen Theorie und Übungseinheiten zum Notieren als Porträtieren, genaues Zeichnen, Skizzieren, Präzisieren und als Drehbuch.
Da die Aufgaben ein wesentlicher Teil dieses Buches sind, gebe ich ein Beispiel im Wortlaut wieder: Schreiben Sie eine Geschichte in Form von Drehbuchnotaten - Überlegen Sie sich genau, wo Sie diese Geschichte spielen lassen - Wählen Sie Räume oder Orte, die Sie gut kennen und die genug bildnerisches Potenzial enthalten, das Sie für die Entwicklung einer Geschichte nutzen können - Verfassen Sie knappe Notate im Präsens, die es dem Leser ermöglichen, einer Geschichte nur aus Bildern zu folgen - Verzichten Sie auf eine komplizierte Handlung, arbeiten Sie mit wenigen Figuren. Erzählen Sie ganz aus dem "Geist der Bilder".
Im dritten Teil geht es um das Notieren von Passionen und Notieren als Erinnern, Erfinden und Zuspitzen. Mit Beispielen aus Peter Handkes "Phantasien der Wiederholung" und "Die Geschichte des Bleistifts" wird am Schluss noch das Poetische Notieren besprochen. Und wem dies nicht genügt, wird sich darüber freuen, dass er im vierten Teil mit Exzerpieren, Sudelbüchern und Notizen am frühen Morgen seine Übungseinheiten fortführen kann. Wie viel Schreiben mit dem eigenen Leben zu tun hat, wird nochmals in den Nachbetrachtungen klar. Ihnen folgen dann nur noch die Verzeichnisse der Primär- und Sekundärliteratur.
Mein Fazit: Selbstverständlich darf jeder Schreibende glauben, er sei mit seiner Kunst schon im Zenit angekommen. Aber selbstkritische und offene Sprachvirtuosen werden dem bekannten Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil dankbar sein, dass er auch als Professor wirkt. Denn in dieser Funktion trägt er wesentlich dazu bei, dass diese neue Reihe überhaupt möglich ist. Schreibkurse, die sich von Bekanntem klar unterscheiden, aber natürlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Also lieber ein paar Texte weniger verfassen, aber dafür mehr üben.